
🛈 Aphasie
🛈 Aussprachestörungen (Dyslalie)
🛈 Cochlear Implant (CI)
🛈 »Die spielen ja nur!«
🛈 Down-Syndrom
🛈 Dysarthrie/Dysarthrophonie
🛈 Förderung der Sprachentwicklung
🛈 Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS)
🛈 Lippen-Kiefer-Gaumenspalten (LKG-Spalten)
🛈 Logopädisches Wörterbuch
🛈 Mundvorhofplatte (MVP)
🛈 Mutismus
🛈 Myofunktionelle Störungen (MFS)
🛈 Näseln (Rhinophonie)
🛈 Normale Sprachentwicklung
🛈 Schlaganfall
🛈 Spiel und kindliche Entwicklung
🛈 Sprachenwicklungsverzögerung (SEV)
🛈 Stimmstörungen (Dysphonien)
🛈 Stottern/Redefluss-Störungen bei Kindern
🛈 Stottern bei Erwachsenen
🛈 Unterstützte Kommunikation (UK)
🛈 Zahnfehlstellungen
🛈 Zerebralparese (CP)
🛈 Zungenbändchen
Informationen zum Thema Aphasie
APHASIE – Was ist das?
Wörtlich übersetzt bedeutet Aphasie »Sprachverlust«. Das ist jedoch nicht ganz richtig. Eine Aphasie entsteht durch Verletzungen bestimmter Bereiche des Gehirns und drückt sich in mehr oder weniger schweren Beeinträchtigungen der sprachlichen Fähigkeiten aus. Unsere Sprache umfasst vier Leistungsbereiche:
- Verstehen
- Sprechen
- Lesen
- Schreiben
Bei einer Aphasie sind in der Regel alle diese Bereiche negativ betroffen,
aber fast nie kommt es zu einem völligen Verlust der Sprache. Meistens
berichten Aphasiker, dass die Sprache zwar noch im Kopf gespeichert ist, aber
nicht mehr gezielt zur Verfügung steht. Der Begriff »Sprachverlust« ist auch deshalb etwas irreführend,
weil es die Aphasie als einheitliche Sprachstörung nicht gibt. Aphasien sind
sehr komplexe neuropsychologische Störungen. Jede Aphasie hat eine ganz
spezielle Ausprägung, so wie ja auch jeder Patient mit seiner persönlichen
Geschichte nur bedingt mit anderen Patienten verglichen werden kann. Trotzdem
gibt es einige Gemeinsamkeiten, die eine oberflächliche Einteilung der Aphasien
gestatten. Hier sei nur die grobe Einteilung in sogenannte »flüssige«
und »unflüssige« Aphasien erwähnt. Diese Einteilung spiegelt
unterschiedliche Leistungsniveaus beim spontanen Sprechen wider.
Wie entsteht eine Aphasie?
Eine Aphasie entsteht in der überwiegenden Zahl der Fälle durch einen
Schlaganfall. Dabei werden durch Gefäßverschlüsse oder raumfordernde
Blutungen bestimmte Hirnbereiche nicht mehr ausreichend mit Blut und Sauerstoff
versorgt. Das Ergebnis ist eine Zerstörung von Gehirngewebe. Auch Unfälle und
Tumorerkrankungen können zu Hirnschäden führen. Jede Hirnschädigung führt zu besonderen Funktionsausfällen. Diese hängen
ihrerseits von Ort und Ausmaß der Schädigung sowie von Zustand und
Persönlichkeit des Patienten vor der Krankheit ab. Da die für die
Sprachverarbeitung zuständigen Bereiche zu einem hohen Prozentsatz in der
linken Gehirnhälfte liegen, führen Schädigungen der linken Hirnhälfte mit
einer größeren Wahrscheinlichkeit zu Sprachstörungen als Verletzungen der
rechten Hirnhälfte.
Die Symptome der Aphasie
Die Symptome einer Aphasie erstrecken sich meistens auf alle vier Leistungsbereiche der Sprache. Dementsprechend kann es zu folgenden Defiziten kommen:
- Wortfindungsstörungen
- Abweichungen in der Lautstruktur der Wörter
(von einfachem sich versprechen bis hin zu Wortneuschöpfungen / Wortsalat) - Störungen der Fähigkeit, Sätze zu bauen (bis hin zu Einwortäußerungen oder Telegrammstil)
- Störungen des Sprachverständnisses
- Störungen des Lesesinnverständnisses
- Störungen des Schreibens
- Störungen des Nachsprechens und des Sprachgedächtnisses
- Störungen der Kommunikation
(Konzentrationsschwächen, falsches Redeverhalten)
Beachten Sie bitte:
Von den oben genannten Störungen ist das Denkvermögen des
Patienten nicht betroffen. Daher wäre es falsch, Aphasiker als geistig
behinderte Menschen zu betrachten!
Therapie von Aphasien
Durch gezielte sprachtherapeutische Behandlung können wesentliche Verbesserungen der aphasischen Defizite erzielt werden. Dabei hängt der Erfolg von folgenden Faktoren ab:
- Frühestmöglicher Therapiebeginn.
Optimal ist eine therapeutische Versorgung, die schon im Akutkrankenhaus einsetzt. - Möglichst umfassende sprachliche Stimulierung.
Gespräche, soziale Kontakte und der Umgang mit modernen Kommunikationsmedien wie Videos, Computer etc. führen zu einer breiten sprachlichen Beanspruchung der Patienten. Nur so können die beeinträchtigten sprachlichen Fähigkeiten wieder angeregt werden. - Lückenlose Kontinuität bei der Rehabilitation.
Schon während des Aufenthaltes im Akutkrankenhaus sind weiterführende Aufenthalte in einer Reha-Klinik zu organisieren. Zugleich sollte eine ambulante Therapie bei einem niedergelassenen Sprachtherapeuten angestrebt werden. Wegen möglicher Wartezeiten bei vielen Praxen sollte die Anmeldung früh genug erfolgen. - Wartezeiten sind keine Pausenzeiten!
Sorgen Sie auch jetzt für eine Vielzahl sprachlicher Reize.
Der Umgang mit Aphasikern
Mindestens ebenso wichtig wie die reibungslose Organisation der Therapie sind
Faktoren wie Zufriedenheit, Wohlbefinden, Verständnis, Motivation und
zwischenmenschliche Geborgenheit. Gestörte Sprachfunktionen können zu
gravierenden sozialen Einschnitten führen. Aphasische Patienten müssen aus
ihrer sozialen Isolation herausgeführt werden, denn auch sprachbehinderte
Menschen können kommunizieren und ein erfülltes Sozialleben führen.
Daher muss auf eines besonders großen Wert gelegt werden:
Informieren Sie das soziale Umfeld des Patienten über Art und Umfang der Aphasie!
Angehörige, Freunde und Kollegen sollten über das Wesen der Behinderung Aphasie aufgeklärt
werden! Nur so kann um Verständnis für die besondere Situation des Patienten
geworben werden.
Die Kommunikation mit Aphasikern ist sicherlich erschwert, aber nicht
unmöglich. Sie kann durch Berücksichtigung verschiedener Regeln optimiert
werden.
Einige Kriterien für die Kommunikation mit Aphasikern sind:
- Geduld bewahren! Zuhören bedeutet: Warten!
- Den Wortlaut der eigenen Äußerung variieren!
- Auf den Inhalt achten, die sprachliche Form überhören!
- Sich in die aphasische Sprache einhören.
Die Angehörigen und Freunde sind nicht für die Sprachtherapie zuständig, sondern für die Lebensqualität, eine befriedigende Gestaltung des Alltags und den liebevollen, mitverantwortlichen Umgang mit dem Aphasiker.
Dieser Text wurde mit freundlicher Genehmigung von ProLog aus
»Leben mit Aphasie - Informations- und Beratungsbroschüre für Patienten
und Angehörige« entnommen.
www.prolog-wissen.de
Informationen zum Thema Cochlear Implantat (CI)
Wie funktioniert das Gehör?
Sprache und Geräusche gelangen als Schallwellen an das äußere
Ohr und werden von dort über das Trommelfell und die Gehörknöchelchen
an das mit Flüssigkeit gefüllte Innenohr (Cochlea/Schnecke)
weitergeleitet. Dort liegen die Hörsinneszellen (Haarzellen), die den
Schall in kleine elektrische Ströme umwandeln und über die
angeschlossenen Hörnervfasern an das Hörzentrum des Gehirns zur
Verarbeitung weitergeben. Bei Innenohrschwerhörigkeit oder Taubheit
ist der Hörnerv noch funktionsfähig, während die Haarzellen
unwiederbringlich zerstört sind, so dass nur noch Hörgeräte oder
ein Cochlear-Implantat therapeutisch helfen können.
Was ist ein Cochlear-Implantat?
Das Cochlear-Implantat (CI) ist eine Prothese, welche die
ausgefallenen Funktionen des Innenohres ersetzen soll, indem sie den
Schall über ein Mikrofon aufnimmt, in eine Abfolge elektrischer
Impulse umsetzt und diese über Elektroden an die Hörnervfasern
weiterleitet, der diese Informationen schließlich an das Gehirn
weitergibt. Dieser Vorgang erzeugt bei einem Implantatträger
unterschiedliche Hörempfindungen und Höreindrücke.
Aus welchen Teilen besteht ein Cochlear-Implantat?
Das Cochlear-Implantat besteht aus
- dem eigentlichen Implantat, welches mit einem Magneten, einem Empfänger und einem Elektrodenträger operativ in den Knochen hinter dem Ohr eingesetzt wird. Die Elektroden bestehen aus extrem feinen Einzeldrähten, die als Bündel in die Gehörschnecke (Cochlea) hineinreichen
- der Sendespule, die mittels eines Magneten außen am Kopf sitzt und die Verbindung zum eingesetzten Implantat herstellt
- dem Mikrofon und
- dem Sprachprozessor
Mikrofon und Sprachprozessor werden mittlerweile zusammen verbaut
und wie ein Hörgerät hinter dem Ohr getragen.
Wie läuft eine CI-Operation ab?
Zunächst wird eine klinische Voruntersuchung durchgeführt zur Klärung,
ob der Einsatz eines Cochlear-Implantats möglich ist. Voraussetzung
hierfür ist ein funktionsfähiger Hörnerv und eine operativ zugängliche
(d.h. eine nicht verknöcherte bzw. verkalkte) Hörschnecke. Des
weiteren wird der Patient bzw. die Eltern des betroffenen Kindes über
mögliche Risiken aufgeklärt, die jedoch nicht größer sind als bei
jeder anderen Operation unter Vollnarkose. Die eigentliche Operation
dauert ca. zwei Stunden und wird, wie bereits erwähnt, unter
Vollnarkose durchgeführt. Der anschließende Klinikaufenthalt dauert
etwa eine Woche.
Kann man nach der Operation sofort richtig hören?
Nach dem Abheilen der Operationswunde beginnt die
Rehabilitationsphase. Zunächst stellen erfahrene Techniker den
Sprachprozessor ein. Dabei kommt es, wie bei einem Rennwagen, auf das
richtige »Feintuning« an. Dieses muss mit dem Patienten zusammen
erarbeitet werden, um das Implantat auf dessen individuelle
Empfindungen einzustellen. Hörtraining und Sprachtherapie helfen dem
Patienten, die neuen, ungewohnten Höreindrücke richtig zuzuordnen,
da sich das Hören mit dem Cochlear-Implantat deutlich vom normalen Hören
unterscheidet.
Wie sind die Erfolgsaussichten?
Der Hörerfolg hängt von der Länge der vorherigen Ertaubung ab.
Etwa 50% der erwachsenen CI-Träger (d.h. diejenigen, die bereits hören
und sprechen konnten und erst seit kurzer Zeit ertaubt sind) verstehen
nach dem Sprach- und Hörtraining den Gesprächspartner ohne von den
Lippen abzulesen und können sogar telefonieren. Erwachsene, die
bereits einmal gehört und sprechen gelernt haben, aber bereits viele
Jahre ertaubt sind, können Geräusche unterscheiden und mit Hilfe des
Lippenablesens wieder Sprache verstehen. Von Geburt an oder seit frühester
Kindheit ertaubte Erwachsene können Geräusche hören und diese auch
in einem Gewissen Maß unterscheiden, ein Sprachverstehen ohne
Lippenablesen ist jedoch nicht zu erwarten. Bei Kindern, die gehörlos
geboren sind und solchen, die nach abgeschlossenem Spracherwerb
z.B. nach einer Hirnhautentzündung (Meningitis) ertaubt sind,
hingegen sind die Erfolge sowohl in Hinsicht auf das Hörvermögen als
auch in der Erlangung der Lautsprachkompetenz durchschlagend. In
beiden Fällen ist eine möglichst frühzeitige Versorgung mit dem
Cochlear-Implantat erforderlich. Voraussetzung für den Erfolg ist in
jedem Fall eine intensive Schulung und die Bereitschaft, aktiv am Hör-
und Sprachtraining teilzunehmen.
Was kostet eine CI-Operation und welche Systeme gibt es?
Die Kosten für eine Implantation belaufen sich auf ca. 30.000 Euro
und werden, wie auch die Kosten für die anschließende Rehabilitation
(Hörtraining und Sprachtherapie), in der Regel von den Krankenkassen
übernommen. Es gibt verschiedene Hersteller von
Cochlear-Implantat-Modellen mit unterschiedlicher Anzahl Elektroden.
Die einzelnen Firmen unterhalten teilweise flächendeckend
Service-Einrichtungen für Reparaturen und Ersatzteile.
Was ist, wenn die Cochlea geschädigt oder kein Hörnerv angelegt ist?
Ist die Cochlea (Schnecke) zu stark geschädigt z.B. verknöchert, so dass kein CI implantiert werden kann, im Falle einer Missbildung (nicht angelegter Hörnerv) oder nach einer Hörnervschädigung und damit einhergehender Ertaubung z.B. nach einer Tumoroperation besteht die Möglichkeit, Höreindrücke direkt in die entsprechenden Areale des Gehirns zu leiten. Dies kann mit Hilfe eines Auditory Brainstem Implant (ABI) im Hirnstamm erfolgen oder als Auditory Midbrain Implant (AMI) im Mittelhirn. Beide Verfahren sind noch relativ neu und werden nicht in jeder CI-Klinik durchgeführt!
Autor: Uwe Kurz
Informationen zum Thema Zerebralparese (CP)
Was ist eine Zerebralparese?
Mit dem Begriff »Zerebralparese« wird eine Vielzahl spezifischer
Störungen bezeichnet, die als gemeinsames Charakteristikum eine Schädigung
der motorischen Hirnzentren aufweisen. Diese äußern sich in einem
Verlust der Bewegungsbeherrschung und können sowohl isoliert als auch
in Verbund mit weiteren sensorischen, kognitiven, psychischen und/oder
sprachlichen Störungen auftreten. Die Hirnschädigung selbst ist
dabei nicht fortschreitend, jedoch kann eine unbehandelte Primärschädigung
zu weiteren, sekundären Pathologien führen.
Bezüglich der Intelligenz zerebralparetischer
Kinder kann gesagt werden, dass eine Zerebralparese nicht
notwendigerweise mit geistiger Behinderung oder Schwachsinn
einhergeht. Möglicherweise kann das Gesicht des Kindes ausdruckslos
sein und das Kind mag einen starker Speichelfluss haben - aber nur,
weil seine Muskeln ihre normalen Aufgaben nicht verrichten können.
Bei einem großem Umfang der Hirnschädigung, insbesondere bei Schädigung
der Hirnrinde, ist logischerweise auch die Intelligenz mitbetroffen.
Die üblichen Intelligenztests verlangen entweder ein Minimum an
Sprache oder bestimmte Muskelkoordination, was die Möglichkeiten
zerebralparetischer Kinder häufig übersteigt, so dass eine Messung
der Intelligenz nur schwer durchzuführen ist.
Welche Formen der Zerebralparese kann man unterscheiden?
Zerebralparesen sind neurologische Syndrome, die durch Veränderung
des Muskeltonus (Vermehrung, seltener auch Verminderung), durch das
Auftreten abnormer Bewegungsabläufe (Dyskinesien) oder durch Störung
von Koordinationsleistungen (ataktische Symptome) gekennzeichnet sind.
Spastik
Spastische Patienten zeigen einen erhöhten Muskeltonus infolge
einer Schädigung der von der Großhirnrinde (Cortex) abwärts führenden
Pyramidenbahnen, die die willkürlichenBewegungen steuern. Dabei
werden die normalen Bewegungsmuster durch Reflexbewegungen entweder
vom Beuge- oder Strecktypus ersetzt, die jeweils typisch für den
einzelnen Spastiker sind, und je spastischer ein Mensch ist, desto
ursprünglicher sind seine Haltungs- und Bewegungsmuster. In der Rückenlage
zeigen alle Spastiker eine starke Streckspastizität, wobei sie Kopf
und Schultern zurückziehen, Hüfte, Knie- und Fußgelenke einwärtsdrehend
oder überkreuzend strecken und die Arme entweder an den Ellenbogen
gebeugt oder gestreckt werden. In der Bauchlage zeigen
Zerebralparetiker starke Beugespastizität. Dabei bewirken die
Beugemuskeln des Halses, des Rumpfes, der oberen Extremitäten und der
Hüften, dass sich der Rücken krümmt und die Arme gebeugt und häufig
unter den Brustkorb gezogen werden. Allgemein wird davon ausgegangen,
dass ca. 40 % der Zerebralparetiker Spastiker sind.
Athetose
Bei Athetotikern liegt eine Schädigung der basalen Ganglien vor.
Sie zeigen dieselben abnormen Haltungsmuster wie Spastiker, wobei
diese Muster von unwillkürlichen, drehenden und schlängelnden
Bewegungen überlagert werden. Diese entspringen in den der Körpermittellinie
am nächsten gelegenen Teilen und setzen sich zu den entfernteren hin
fort. Beim Athetotiker schwankt der Muskeltonus von extremer
Muskelspannung bis zur extremen Muskelerschlaffung, zwischen abrupten
und ungezielten Bewegungen und der starren Haltung des Spastikers,
wobei aber diese Haltung unstet ist. Etwa 40 % aller Zerebralparetiker
sind Athetotiker.
Ataxie
Der Ataktiker leidet an einem Mangel an Gleichgewicht und
Koordination infolge einer Schädigung des Kleinhirns. Bei einer
reinen Ataxie, die jedoch äußerst selten vorkommt, ist der
Muskeltonus ständig subnormal, die Bewegungen können kaum
kontrolliert werden. In der häufiger vorkommenden Form der Mischung
von Ataxie und Athetose schwankt der Muskeltonus von hyper- bis
hypoton.
Welche Probleme gibt es im Mund- und Gesichtsbereich?
Orofaziale Störungen äußern sich bei zerebralparetischen Kindern hauptsächlich in Fütterungsproblemen, Schluckschwierigkeiten, den daraus resultierenden Sprech- und Sprachstörungen sowie offener Mundhaltung und vermehrtem Speichelfluss. Die ständige Öffnung des Mundes und die Einwirkung der pathologischen Zungenmotorik fördern die Entstehung von Gebissanomalien (Dysgnathien). Die Bewegungskoordination der Zunge ist in Abhängigkeit von der Ausprägung der zerebralen Parese unterschiedlich behindert.
- Typisch für die spastische Form der Zerebralparese ist die dürftige Motorik. Dabei ist die Zunge kegelförmig und zurückgezogen, was durch die bei Spastikern typische Kopfreklination noch verstärkt wird. Die Bewegung der Zunge ist stark eingeschränkt und meist stoßartig nach vorne gerichtet.
- Bei der Athetose bewegt sich die Zunge ständig und unkoordiniert, wobei mitunter wurmförmige Bewegungen beobachtbar sind.
- Beim ataktischen Syndrom ist eine Schlaffheit (Hypotonus) der Zunge, die flach auf dem Mundboden liegt, zu beobachten. Gelegentlich sind jedoch stoßartige Bewegungsabläufe der Zunge erkennbar.
Bei allen diesen Formen fehlerhafter Zungenmotorik ist der ungenügende
Kontakt zu Gaumen und den vorderen Schneidezähnen sowie mangelhafte
Seitwärtsbewegung erkennbar. Zudem kann häufig eine Einziehung der
Zunge im Bereich der Mittellinie durch eine zu schwache Muskulatur
beobachtet werden.
Welche Störungen treten im sprachlichen und stimmlichen Bereich auf?
Die Art der Sprechschwierigkeiten wird weitgehend durch den Typ und die jeweilige Ausprägung der Zerebralparese bestimmt, jedoch tritt in nahezu allen Fällen eine sogenannte Dysarthrie auf:
Der spastische Patient
neigt infolge verstärkter Muskelspannung und plötzlicher Spasmen
zu einer Lautsprache, die als explosiv erscheint, durch lange Pausen
unterbrochen wird und allgemein als »zerebralparetische Sprache«
bezeichnet wird. Dabei fallen die geringen, ungezielten Bewegungen von
Kiefer, Lippen und Zungen ohne Feinabstufung auf. Die Spannung der
Lippen und damit ihre Fähigkeit zu einer exakten Lautbildung ist von
der Gesamtkörperhaltung sowie Grad und Dauer der geistigen Anspannung
abhängig. So kann es geschehen, dass bei einer Überanstrengung der
Sprechmuskulatur die Lautbildung nicht exakter, sondern nachlässiger
und reduziert wird. Durch die auftretende Bewegungsverminderung ist
die Lautkoordination erschwert, insbesondere treten häufig
Stammelfehler (Dyslalien) auf. Aufgrund des
oft schwer beweglichen Kiefers, des in seinen Bewegungen gestörten
Zungenmuskels und der verspannten Lippen ist deren Wahrnehmung und »Gedächtnis«
für die Artikulationsbewegungen gestört. Ist das Gaumensegel (Velum)
inaktiv, klingt die Sprache nasal.
Rhythmisch-dynamische Sprachakzente fehlen und oft ist das Sprechtempo
verlangsamt. Nach Untersuchungen weisen 72% der Spastiker eine noch
einigermaßen verständliche Sprache auf.
Beim Athetotiker,
der ein Übermaß an nicht willentlich steuerbaren Bewegungen
zeigt, erschweren Grimassieren, vermehrter Speichelfluss (Hypersalivation),
mangelnde Kontrolle des Kopfes und ein schlechter Mundschluss das
Sprechen. Die Lautsprache variiert von geringen Artikulationsfehlern
bis hin zu schweren Fällen, in denen überhaupt kein Sprechen möglich
ist. Die Sprachlaute werden vornehmlich hart gesprochen, übersprochen
und/oder herausgepoltert. Die Stimme klingt kehlig und gepresst. Bezüglich
der Verständlichkeit zeigen Untersuchungen, dass 40 % der Athetotiker
nicht verstanden werden können.
Bei Ataxie
sind die Sprechbewegungen unkoordiniert, das Sprechen selbst ist
undeutlich und unrhythmisch. Die Lautkoordination ataktischer Kinder
ist erschwert, ihre Sprache ist wenig moduliert, schwer und
schleppend. Dabei werden einzelne Laute undeutlich artikuliert oder
durch andere ersetzt.
In schweren Fällen ist bei allen Typen kein Sprechen möglich. Häufig
ist es unmöglich, die Sprechleistung genau einzuschätzen, da diese
bis hin zur Sprechunfähigkeit schwanken. Sie wechselt ständig mit
dem jeweiligen Grad der Spastizität, der teilweise von der
augenblicklichen Körperstellung im Raum und zum Teil von der Reizfülle
seiner Umgebung bestimmt wird. Erschwerend kommt hinzu, dass häufig
auch zerebralparetische Mischformen mit den entsprechenden Symptomen
auftreten.
Autor: Uwe Kurz
Quellen:
CRICKMAY, Marie C.: Sprachtherapie bei Kindern mit zerebralen Bewegungsstörungen auf der
Grundlage der Behandlung nach Bobath, Berlin
HAUPT, U.: Sprachheilbehandlung zerebral gelähmter Kinder (Schriften zur Sonderpädagogik), Dortmund
NEUHÄUSER, Gerhard: Orofaziale Funktionsstörungen bei infantilen Cerebralparesen. In Berndsen, Klaus-Jürgen (Hrsg.):
Neuromotorische Koordinationsstörungen und Auswirkungen auf die
orofaziale Muskulatur. 9. Kongress für Myofunktionelle Therapie,
Frankfurt/M.
Informationen zum Thema Down-Syndrom
Was ist das Down-Syndrom?
Beim Down-Syndrom (syn.: Morbus Langdon-Down, Trisomie 21,
Mongolismus) handelt es sich um ein auf chromosomalen Veränderungen
beruhendes Krankheitsbild (der Chromosomensatz Nr. 21 ist statt in
zweifacher in dreifacher Ausführung vorhanden), bei dem
Fehlentwicklungen fast aller Gewebe und Organe zu beobachten sind.
Diese wachsen langsamer, bleiben unreif, altern schneller und können
Fehlbildungen aufweisen. Auffallend ist hierbei die große äußere Ähnlichkeit
innerhalb der Betroffenen. Die gleiche genetische Fehlinformation
bewirkt ein »typisches« Aussehen. Gerade deshalb sollte man aber den
Blick auf ihre Individualität richten.
Welche Merkmale findet man beim Down-Syndrom?
Im äußeren Erscheinungsbild gelten folgende Anomalien als »typisch« für das Down-Syndrom:
- die sogenannte »Mongolenfalte« (Epicanthus)
- eine rissige Zunge
- Kurz- oder Rundkopf mit abgeflachtem Hinterkopf (Brachycephalie)
- gedrungener Körperbau
- schlaffe Bänder
- abgebogene kleine Finger
- deutlich abgespreizte große Zehen
- spezielle Zeichnung der Hautfalten an Händen und Füßen.
Dazu kommen allgemeine Muskelschlaffheit (Hypotonie),
Unterentwicklung von Kiefer und Zähnen, eine erhöhte Infektanfälligkeit
und in ca. 50 % der Fälle angeborene Herzfehler. Seh- und Hörfähigkeit
sind bei vielen Kindern eingeschränkt. Mit dem Down-Syndrom geht eine
Reduzierung intellektueller Fähigkeiten einher, wobei jedoch die häusliche
Beschäftigung mit dem Kind und seine Förderung eine große Rolle
spielt, so dass auch von Down-Kindern berichtet wird, die erfolgreich
eine Lernbehindertenschule besuchen konnten.
Im Gegensatz zu anderen geistig Behinderten sind
Down-Kinder besser in Musiktests und im Lesen, schlechter jedoch im
Hinblick auf ihre ungeschicktere und verlangsamte Motorik sowie auf
ihre schlechtere visuell-motorische Koordination. Die fast allen
Down-Betroffenen eigene fröhliche Grundhaltung scheint häufig auf
positiven Sozialisationsbedingungen zu beruhen. Wenig pflegerische und
erzieherische Schwierigkeiten, ihr Verhalten und Aussehen, welches dem
des »lieben Babys« entspricht, fördern die emotionale Zuwendung.
Welche Probleme gibt es im Mund- und Gesichtsbereich?
Aufgrund der allgemeinen Hypotonie beim Down-Syndrom entwickeln die
Kinder eine anomale Haltung der Körperlängsachse und der
Kopfhaltung. Der Kopf wird überdehnt und in den Nacken gestreckt (rekliniert).
Durch diese Kopfreklination wird der Unterkiefer allmählich nach vorn
geschoben, womit weitere Anomalien wie Schlaffheit der Kiefergelenkbänder
und der umgebenden Muskeln sowie Mundatmung begünstigt werden. Hinzu
kommt, dass die Nase durch unharmonisches Wachstum und damit
verbundene Proportionsverschiebungen im Gesichtsbereich in der Regel
relativ klein und die Nasenatmung erschwert ist. Häufig kommt es im
Laufe der Entwicklung zu einer Vorverlagerung des Unterkiefers
(Progenie), die unter anderem auch die Artikulation erschweren kann.
Bei mehr als der Hälfte aller Betroffenen findet man unvollständige
Gebisse, Zahnform- oder Zahnfleischanomalien. Die Hypotonie wirkt sich
auch auf die Lippen aus. Dabei ist die Unterlippe häufig nach außen
gestülpt und im Vergleich zur Oberlippe wesentlich aktiver. Mitunter
kommt es zu wulstigen (hypertrophierenden) Unterlippen, wobei die
vertikalen Lippenfurchen sich vertiefen und Risse bilden. Zusätzlich
sind häufig ein verstärkter Speichelfluss (Hypersalivation) und
Probleme bei der Nahrungsaufnahme zu beobachten. Der Gaumen ist bei
Down-Betroffenen meist klein und schmal (enger, hoher Stufengaumen).
Die Zunge ist groß, breit, klobig, hypoton und nach vorn verlagert
und wirkt im Vergleich zur Mundhöhle meist zu groß. Im allgemeinen
liegt eine myofunktionelle Störung mit einem
anomalen Schluckakt vor.
Welche Störungen treten im sprachlichen und stimmlichen Bereich auf?
Gegenüber anderen geistig Behinderten ist die Sprachentwicklung
von Kindern mit Down-Syndrom deutlich verzögert. Das Sprechvermögen
folgt dem Sprachverständnis oft erst wesentlich später. Die
Sprachentwicklung bei Kindern mit Down-Syndrom verläuft zeitlich zwar
anders, jedoch bewirkt die Behinderung keine Veränderung des üblichen
Stufenaufbaus. Charakteristische Merkmale der stimmlichen Auffälligkeiten
sind u.a. eine tiefe, raue, gutturale, heisere, verwaschene,
gepresste, kaum modulierte und monotone Stimme mit verringertem
Stimmumfang, herabgesetzter Grundfrequenz in der Sprechstimme und
teilweise auffälliger Langsamkeit beim Aussprechen. Bezüglich der
gestörten Artikulation liegt der Anteil bei Kindern mit Down-Syndrom
höher als bei Kindern mit anderen geistigen Behinderungen. Die
Hypotonie der Zungenmuskulatur und mangelnde Koordinationsfähigkeit
der Bewegungen scheinen Artikulationsstörungen zu begünstigen.
Auch Redefluss-Störungen
treten bei Kindern mit Down-Syndrom überproportional häufig gegenüber
Kindern mit anderen geistigen Behinderungen auf. Als Grund für das
gehäufte Auftreten des Stotterns gilt allgemein eine verzögerte
Hirnreifung, wobei sich psychische Faktoren zusätzlich negativ
auswirken können. Als weitere Ursache für übereiltes Sprechen,
Wiederholungen, Verzögerungen und Blockierungen wird der unzulängliche
Wortschatz und die Disharmonie von geistigem Vorstellungsvermögen und
sprechmotorischer Leistungsfähigkeit angenommen. Jedoch bestehen
charakteristische Unterschiede zum Stottern Gesunder (keine
Sprechscheu, keine Angst vor bestimmten Wörtern oder Lauten, keine
Satzumstellungen, kein Wortaustausch, unregelmäßiges »Hängen-bleiben«
bei jedem beliebigen Laut), so dass die Redefluss-Störung bei Kindern
mit Down-Syndrom individuell dem Stottern oder Poltern zugeordnet
werden können, wobei viele verschiedene Faktoren, wie organische,
motorische, psychische oder intellektuelle Beeinträchtigungen, aber
auch die Reaktionen der Umwelt u. a. eine Rolle zu spielen scheinen.
Autor: Uwe Kurz
Quellen:
WEIGEL, Renate: Komplexe Förderung sprachlicher Fähigkeiten bei Kindern mit
Down-Syndrom
WILKEN, Etta: Sprachförderung bei Kindern mit Down-Syndrom
CASTILLO MORALES, Rodolfo: Die Orofaziale Regulationstherapie
Informationen zum Thema Dysarthrie
Was ist Dysarthrie?
Dysarthrie (eigentlich Dysarthrophonie, da in den meisten Fällen die stimmlichen Qualitäten gleichfalls betroffen sind) bezeichnet ein sehr komplexes Störungsbild, dass aus vielen verschiedenen Perspektiven betrachtet werden kann. Daher sollten insbesondere Medizin und Sprachtherapie/Logopädie Hand in Hand zusammen arbeiten, um den Problemen wirkungsvoll zu begegnen. Diese Probleme zeichnen sich vorwiegend durch Störungen des Sprechens aus. Damit sind Vorgänge der Atmung, der Aussprache und der Stimmgebung gemeint, d.h. die am Sprechen beteiligte Muskulatur ist durch Schwächung, Lähmung oder in ihrer Koordination gestört:
- Laute werden anders ausgesprochen als zuvor; die betroffene Sprechmuskulatur hat sich verändert, so dass sich vieles verwaschen, undeutlich und angestrengt anhört.
- die Sprechatmung ist gestört, wodurch
- die Stimmqualität und die musischen Sprechanteile (Sprechmelodie, Sprechtempo, Lautstärke, Dynamik und Rhythmus) beeinträchtigt sind und die Stimme zum Teil rau und kratzig oder nasal klingt.
Diese Veränderungen an sich selbst führen nicht selten auch zu sozialen Problemen:
- Viele Betroffene nehmen sich im Umgang mit anderen Menschen eher zurück, sie ändern ihr Kommunikationsverhalten oder schämen sich auf Grund der veränderten Sprechweise.
- Auch Veränderungen im beruflichen Umfeld und bei der Freizeitgestaltung stellen neue Bewältigungsschritte dar.
Welche Ursachen können zugrunde liegen?
Die Ursachen sind vielfältig. Eine Dysarthrie ist in jedem Falle
eine neurologisch bedingte Störung. Zum einen kann sie aus einmaligen
Ereignissen wie Schädel-Hirn-Traumen, Schlaganfall, frühkindliche Hirnschädigungen etc.)
resultieren, zum anderen können aber auch fortschreitende, sogenannte
progrediente neurologische Erkrankungen verantwortlich gemacht werden.
Dazu gehören u.a. Morbus Parkinson, Infektionen und Entzündungen,
Tumore, Multiple Sklerose, ALS etc.. Als Hauptursache können
allerdings Hirnblutungen und ischämische Infarkte genannt werden. Bei
Erkrankungen im Kindesalter trifft man häufig auf Begriffe wie
(infantile) Zerebralparese (=frühkindliche
Hirnschädigungen), die im Kindesalter die Ursache für kindliche
Dysarthrien darstellen.
Wichtiger als die Krankheitsursache wird im allgemeinen die
Lokalisation der Schädigung angesehen.
Wie sieht die Therapie bei Dysarthrie aus?
Leider ist es bei der Dysarthrie wie bei allen Störungsbildern so,
dass es kein Allheilmittel in Form einer logopädischen Therapie gibt.
Es spielt eine große Rolle, ob es sich bei dem Betroffenen um einen
Erwachsenen oder um ein Kind handelt. Zunächst müssen die
Therapiemittel nach den individuellen Symptomen ausgewählt und die
Behandlung dem Leidensdruck und Störungsschwerpunkt angepasst werden.
Denn die genannten möglichen Symptome können sowohl in Kombination,
aber auch isoliert auftreten.
Zentraler Bestandteil ist jedoch die Verbesserung
der muskulären Umgebung im Mundbereich, die ja als wichtiger
Bestandteil der Aussprache beeinträchtigt ist. Daher werden
orofaziale (= den Mund- und Gesichtsbereich betreffende) Wahrnehmungsübungen
durchgeführt, die sich aus passiven Ortungs- und Differenzierungsübungen
(Wo wird es jetzt auf der Zunge kalt? Können Sie beschreiben, ob der
Geschmack eher süß oder sauer ist?,...), aber auch aus aktiven
motorischen Übungen für Zunge und Mund zusammensetzt (z.B.
Schnalzen, Zunge spitz in Richtung Nase führen usw.). Außerdem wird
an der Atmung und Sprechlautstärke gearbeitet, die häufig in Folge
einer schlaffen Kehlkopfmuskulatur reduziert ist.
Zweiter zentraler Therapieschwerpunkt ist die Hilfe
bei der neuen schwierigen kommunikativen Situation, die mitunter
befremdlich oder gar schockierend sein kann. Hier werden alternative Möglichkeiten
erarbeitet, sich durch Aufklärung des Umfeldes oder geeignete
Freizeit- und Kontaktmöglichkeiten weiterhin innerhalb des sozialen
Umfeldes bewegen zu können, in welchem man sich wohlfühlt.
Ausschlaggebend ist vor allem die Persönlichkeit des Betroffenen, die
darüber entscheidet, ob jemand optimistisch in die Zukunft blickt und
die Störung als Herausforderung im Leben ansieht oder ob man eher ängstlich
und unsicher mit den Symptomen einer Dysarthrie umgeht. Dieses
herauszufinden, ist für jeden Therapeuten immens wichtig und unerlässlich
für die individuell zugeschnittene Behandlung. So wählt man zwischen
- Motivation
- Beruhigung
- fachlichen Erklärungshilfen
- insbesondere bei zerebralparetischen Kindern frühzeitiges Verweisen an krankengymnastisches Fachpersonal (u.a. Therapie nach Vojta und/oder Castillo-Morales)
- geeigneten mundmotorischen und/oder logopädischen Übungen und
- gemeinsamen Überlegungen zu persönlichen Perspektiven und Veränderungen
die geeigneten Schritte aus.
Wie verhält man sich als Angehöriger im Umgang mit Betroffenen?
Der Betroffene sollte unbedingt weiterhin als vollständiger
Kommunikationsteilnehmer wahrgenommen und behandelt werden. Auch wenn
die Umstellung eventuell zunächst schwer fällt, gibt es dem
Betroffenen enormen Halt und Sicherheit, das Sprechen wagen zu können,
auch wenn das Sprechen leise, verwaschen und nur langsam vonstatten
geht.
Allein die Beachtung dieser Regel hat zunächst große
Wirkung im zwischenmenschlichen Umgang mit Dysarthrikern. Von dieser
positiven Grundstimmung im persönlichen Bereich ausgehend, wird mit
Sicherheit auch Motivation und Energie auf die sprachtherapeutische Förderung
abstrahlen - was wiederum zu einer Verbesserung der Symptomatik beiträgt
und das schließlich ist das Ziel.
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin: Vera Lüttgen
Quellen:
Grohnfeldt, M.: Lehrbuch der Sprachheilpädagogik und Logopädie,
Bd.2, Erscheinungsformen und Störungsbilder; Kohlhammer Verlag, 2001
Wirth, G.:Sprachstörungen, Sprechstörungen, kindliche Hörstörungen,
Deutscher Ärzte-Verlag, Köln
Informationen zum Thema Dyslalie
Unterscheidung
Im allgemeinen kann man bei Kindern zwei Fehlerquellen für
Aussprachestörungen (Artikulationsstörungen, Dyslalie, Stammeln)
unterscheiden, die jedoch nicht immer eindeutig voneinander getrennt
wirken. Zum einen kann ein Laut (oder auch mehrere Laute) überhaupt
nicht oder nicht richtig gebildet werden (phonetische Störung),
zum anderen kommt es vor, dass Kinder die Regeln noch nicht kennen,
die sie brauchen, um einen Laut richtig einzusetzen (phonologische
Störung). Dabei sind verschiedene Fehler-Arten zu beobachten:
So kann ein Laut beispielsweise
- ganz ausgelassen werden (Bume statt Blume). Dies geschieht besonders häufig in Konsonantenverbindungen.
- anders gebildet werden wie z.B. beim »Lispeln« des S-Lautes, wobei dieser mit der Zunge zwischen den Zähnen ausgesprochen wird. Möglicherweise liegt in diesem Fall auch eine myofunktionelle Störung vor.
- durch einen anderen Laut ersetzt werden. So wird von Kindern häufig der Laut K durch T und/oder G durch D ersetzt.
Stellenweise werden auch ganze Silben ausgelassen (»pete« statt
»Trompete«), vertauscht (»digirieren« statt »dirigieren«),
verschmolzen (»Flugschrauber«) oder angeglichen (»Stankstelle«).
Die Sprache des Kindes wird umso unverständlicher, je mehr Laute von
einer Aussprachestörung betroffen sind, jedoch kann bereits ein
einzelner betroffener Laut zu schweren Missverständnissen führen,
wenn dadurch Bedeutungsunterschiede nicht kenntlich gemacht werden können
wie z.B. bei Keller - Teller oder Kopf - Topf.
Phonologische Probleme
Mit etwa 18 Monaten beginnt bei einem Kind der Erwerb des phonologischen Systems. Dabei führt die zunehmende Übernahme der Lautsystematik und -regularisierung zu einer Veränderung der Aussprache und zur Produktion neuer Wörter, die ihrerseits wiederum zur weiteren Regelbildung der Aussprache beitragen. Im Zuge dieser Reifung kommt es im Spracherwerbsvorgang zwangsläufig zu Vereinfachungen neuer Wörter, so dass regelhafte und systematische Abweichungen (phonologische Prozesse) beobachtet werden können.
Einige Beispiele für die mehr als 40 phonologischen Prozesse:
- Auslassung unbetonter Silben:
-nane (Banane), -mate (Tomate), -put (kaputt) -
Reduktion bzw. Vereinfachung von Mehrfachkonsonanten:
G ocke (Glocke), B ille (Brille), -lange/-lanne (Schlange) -
Assimilation bzw. Lautangleichungen innerhalb einer Lautreihe:
Babel (Gabel), Gock (Stock), Kuken (Kuchen) -
Alveolarisierung (Vorverlagerung) hinterer Konsonanten:
Dabel (Gabel), Dütte (Küche), Dind (Kind) -
Velarisierung (Rückverlagerung) vorderer Konsonanten:
Bekk (Bett), Gakker (Wasser), Kelekon (Telefon)
Zu beachten ist, dass innerhalb eines Wortes oder Wortsegmentes durchaus auch mehrere phonologische Prozesse wirksam sein können:

Wenn aus dem »Drachen« ein »Datten« wird, ist
sowohl
eine Reduktion der Mehrfachkonsonanz (»dr« →
»d«) als auch
eine Vorverlagerung/Alveolarisierung (»ch« →
»tt«) und
eine Plosivierung (Ersetzung von Reibelauten/Frikativen durch
Verschlusslaute/Plosive) zu beobachten.
Auch eine Assimilation (»ch« →
»d«) ist nicht auszuschließen, hängt jedoch von den übrigen
beobachteten Prozessen ab.
Über einen Zeitraum von mehreren Jahren werden diese Prozesse
schrittweise überwunden, die Aussprache verfeinert sich und wird
zunehmendem Maße präziser und konstanter, das Lautinventar wird
vervollständigt, das Kind gewinnt zunehmende Sicherheit auch bei der
Realisierung komplexer Lautverbindungen, Wörter und Sätze. Bei
Kindern mit phonologischen Störungen beruhen diese zumeist auf einem
Festhalten an phonologischen Prozessen, welche von gleichaltrigen
Kindern bereits überwunden wurden. Für das therapeutische Vorgehen
ist bei phonologischen Störungen in jedem Fall eine ausführliche
Analyse der bestehenden phonologischen Prozesse erforderlich.
Phonetische Probleme
Zur Bezeichnung der rein lautlichen bzw. phonetischen Fehlbildungen wird der griechische Buchstabe mit einem angehängten »-tismus« oder »-zismus« verwendet: Sigmatismus bei S-Laut-Fehlbildung, Schetismus bei Sch-Laut-Fehlbildung, Rhotazismus bei R-Laut-Fehlbildung, Kappazismus bei K-Laut-Fehlbildung, Gammazismus bei G-Laut-Fehlbildung, Lambdazismus bei L-Laut-Fehlbildung usw.
Zur weiteren Identifikation wird häufig die Art der Fehlbildung näher
bezeichnet. Beispielsweise »Sigmatismus interdentalis«, wenn
die Fehlbildung interdental (lat. zwischen den Zähnen)
oder »Sigmatismus lateralis«, wenn die Zunge den Luftstrom lateral
(lat. seitlich, zur Seite) anstatt gerade leitet.
Unter quantitativer Betrachtung spricht man von einer
- partiellen Dyslalie, wenn nur ein Laut oder eine Lautgruppe betroffen ist
- multiplen Dyslalie, wenn mehrere Laute oder Lautgruppen betroffen sind
- universellen Dyslalie, wenn der Großteil des Lautbestandes betroffen ist.
Grundsätzliches
Im Rahmen der normalen Sprachentwicklung treten bei nahezu jeden Kind entwicklungsbedingte Artikulationsfehler auf. Ist die Sprachentwicklung ansonsten hinsichtlich Wortschatz und Grammatik altersgemäß, besteht außer einer häuslichen Sprachförderung kein Handlungsbedarf. Halten sich die Fehler hartnäckig bis nach dem 4. Lebensjahr, ist eine logopädische Beratung und/oder Behandlung angezeigt.
Autor: Uwe Kurz
Quellen:
Informationsbroschüren der Deutschen Gesellschaft für Sprachheilpädagogik,
Nr. 3 Störungen des Spracherwerbs/Nr. 4 Förderung des Spracherwerbs (Autorin: Angelika Schindler)
D. Hacker: Phonologie in
Baumgartner/Füssenich (Hrsg.): Sprachtherapie mit Kindern, München 1992
Informationen zum Thema Lippen-Kiefer-Gaumenspalten
Was sind Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten?
Spaltbildungen des Gesichts zählen zu den häufigsten angeborenen
Anomalien. Sie können entweder durchgängig sein und den weichen
Gaumen, den harten Gaumen, die Oberlippe und/oder auch den Oberkiefer
selbst betreffen oder sich auf einzelne Teilbereiche wie z.B. den
weichen Gaumen oder die Oberlippe beschränkt sein. Dementsprechend
wird von Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalten (LKG-Spalten) oder
isolierten, d.h. ausschließliche Gaumenspalten (G-Spalten)
gesprochen. Dabei kann die Spaltbildung ein- oder beidseitig
auftreten. Während eine isolierte Lippen- oder Lippen-Kiefer-Spalte häufig
auch eine Gaumenspalte nach sich zieht, geht eine isolierte
Gaumenspalte niemals mit einer zusätzlichen Lippen- oder
Lippen-Kiefer-Spalte einher. Bei einer einseitigen Gaumenspalte wächst
das Pflugscharbein nur mit einer Gaumenplatte zusammen, bei einer
beidseitigen Gaumenspalte verwachsen die Gaumenplatten weder mit dem
Zwischenkiefer noch mit dem Pflugscharbein.
Welche Ursachen führen zur Spaltbildung?
Ursachen für die Entstehung von LKG-Spalten können genetischer oder umweltbedingter Natur sein. Dabei muss das Verhältnis von Erbe und Umwelt in jedem Einzelfall gesondert eingeschätzt werden. Neben bisher unbekannten oder nur vermuteten Faktoren werden als Ursachen angesehen:
- Fehlende oder falsche Erbinformationen
- Versorgungsmangel mit für das Wachstum notwendigen Nährstoffen während der Schwangerschaft
- Lokale Durchblutungsstörungen im Bereich von Lippe, Kiefer oder Gaumen des Kindes während der Schwangerschaft
- seelische und körperliche Belastungssituation der Mutter in der Frühschwangerschaft, die über ein übliches Maß hinausgeht
- Erkrankung der Mutter in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten, wobei es sowohl mit als auch ohne medikamentöse Behandlung zu Störungen kommen kann
- übermäßiger Konsum schädlicher bzw. giftiger Substanzen (Alkohol, Nikotin, Drogen ...)
- Erhöhte Strahlenbelastung mit Röntgen- oder radioaktiven Strahlen
Die Vererbung spielt eine wichtige Rolle, ist aber nicht allein für
die Spaltbildung verantwortlich. Das Auftreten von LKG- bzw.
Gaumen-Spalten als einzige Fehlbildung ist stets durch mehrere
krankmachende Erbfaktoren und zusätzlich durch ungünstige Einflüsse
in der Frühschwangerschaft bedingt. Bei Verbindung von LKG- oder
G-Spalten mit anderen Krankheitszeichen z.B. Chromosomenkrankheiten
liegt häufig auch eine nicht-erbliche Ursache zugrunde. Bis auf
wenige Ausnahmen hängen sie weder von familiären Anlagen noch von
Umweltfaktoren ab. Recht häufig können neben einem geistigen
Entwicklungsrückstand und körperlichen Fehlentwicklungen auch
Spaltbildungen des Gesichts auftreten.
Zur Häufigkeit und Verteilung von Spaltbildungen
Nach den angeborenen Herzfehlern sind LKG-Spalten und isolierte
Gaumenspalten die zweithäufigste Fehlbildung. Die Häufigkeit der
LKG-Spalten liegt bei einem Verhältnis von 1:500-700, d.h. bei etwa 2
von 1.000 Lebendgeborenen bestehen LKG-Spalten in leichter bis
schwerer Form. Mit einer isolierten Gaumenspalte wird ca. 1 Kind von
1.500 Kindern geboren.
Lippen-Kiefer-Spalten oder meist Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten finden
sich in 50-70% aller Spaltformen. Jungen sind davon häufiger
betroffen als Mädchen. (66%-34%). Isolierte Gaumenspalten finden sich
bei 50-50% aller Spaltformen. Mädchen sind häufiger betroffen als
Jungen. (65%-35%). Totale LK-Spalten bei völlig intaktem Gaumen sind
sehr selten, linksseitige Spalten sind doppelt so häufig wie
rechtsseitige Spalten, einseitige Spalten treten doppelt so häufig
auf wie doppelseitige Spalten.
Die Zahl der erblich bedingten Spaltbildungen liegt
bei 12-40%, bei Untersuchungen der Verwandtschaft konnten oft mehr als
40% Erblichkeit bei Spaltbildungen nachgewiesen werden. Auch wenn eine
Ursache für die Spaltbildung gefunden zu sein scheint, kann oft
unerkannt Vererbung vorliegen, da die verwandtschaftlichen Verhältnisse
heutzutage weniger bekannt sind als früher. Je nach Erbgang dieses
Gens können die Wiederholungsrisiken für Geschwister und Nachkommen
unterschiedlich sein, so dass eine genetische Beratung unbedingt
erforderlich ist. Die Wiederholungshäufigkeit von LKG-Spalten beträgt
in einer Familie mit gesunden Eltern beim zweiten Kind 5%, bei einer
isolierten Gaumenspalte 1,8%. Liegt bei einem Elternteil eine
Spaltbildung vor und ist das erste Kind gesund, beträgt die
Wahrscheinlichkeit einer LKG-Spalte beim 2. Kind 2, die
Wahrscheinlichkeit einer isolierten Gaumenspalte 7%. Wenn bei einem
Elternteil eine Spaltbildung besteht und beim ersten Kind ebenfalls
eine solche vorliegt, liegt beim zweiten Kind die Wahrscheinlichkeit
einer isolierten Gaumenspalte im Bereich von 14%, die einer LKG-Spalte
bei 17.
Welche Schwierigkeiten und Störungen zeigen sich?
Bereits beim Säugling zeigen sich Ernährungsschwierigkeiten, weil der für das Saugen nötige Unterdruck in der Mundhöhle nicht erzeugt werden kann. Infolge des behinderten Lippenschlusses bilden sich Wundecken (Rhagaden) in den Mundwinkeln. Aufgrund von LKG-Spalten kann es zu
- funktionellen Störungen
(Insuffizienz des Gaumensegels, Funktionsstörungen der Zunge, Fixierung der Oberlippe, mimische Kompensationsbewegungen und Veränderung der Atemluftführung) - akustischen Störungen
(pathologische Nasalität, Lautfehlbildungen, Abweichungen der Stimmbildung und Auffälligkeiten in der Stimmqualität) - organischen Störungen
(Fehlentwicklungen des Oberkiefers und/oder Unterkiefers, Zahnstellungsanomalien)
kommen.
Bei vielen Kindern mit LKG-Spalten kommt es zur Bildung von häufig
auftretenden und lang andauernden Paukenergüssen, begleitet von
Schwerhörigkeit in mehr oder minder hohem Ausmaß. Hörminderungen über
einen längeren Zeitraum als 3 Monate bei einem Schwellenverlust ab 25
dB sind für Verzögerungen in der Sprachentwicklung verantwortlich zu
machen. Pädaudiologische Untersuchungen sind ab dem 3. Lebensmonat
erforderlich, um Befunde einer anhaltenden Hörminderung des Kindes
rechtzeitig zu verwerten.
Die Primärversorgung
Die Behandlung im Säuglingsalter beginnt schon ab dem 3. Lebenstag. Ein Trinkplättchen aus Kunststoff verhütet die Ausbildung falscher Muskelfunktionen und ermöglicht kürzere Trinkzeiten bei normalem Schluckmodus. Nach dem operativen Verschluss der Lippen dient die Platte als Halte- und Stabilisierungselement, das ein Zusammenfallen der Oberkiefersegmente vermeiden hilft und bereits eine Reduktion der Spaltbreite bewirken kann. Die Behandlung des Milchgebisses wird meist ab dem 3. Lebensjahr durchgeführt und bezieht sich zumeist auf den Oberkieferzahnbogen. Ab dem 6. Lebensjahr beginnt die Behandlung im Wechselgebiss, die sich auf Knochendefekte und/oder Zahnfehlstellungen bezieht. Schwerwiegende Probleme in der Spätbehandlung stellen skelettale Veränderung im Aufbau des Gesichtsschädels dar, welche durch Wachstumsstörungen bedingt sind. Hier kommen kieferorthopädische Behandlungsmethoden zum tragen:
- Korrektur der Fehlstellung der Kiefersegmente
- Behandlung von Zahnfehlstellungen
- Beeinflussung der muskulären Fehlfunktionen
- Vorbereitung auf kieferchirurgische Korrektureingriffe nach Abschluss des Wachstums
Die sprachtherapeutische Behandlung
Neben der rein logopädischen Behandlung ist bei Kindern mit
offenem Näseln infolge LKG-Spalte zu bedenken, dass auch
psychologische Problematiken und Verhaltensauffälligkeiten vorliegen
können, die aus dem fehlenden Kontakt des Säuglings zur Mutter, den
häufigen Operationen, Arztbesuchen und Untersuchungen zum Teil
in weit entfernten Kliniken resultieren. Diese bedürfen oft einer
gezielten psychotherapeutischen Behandlung.
Die Behandlung von Kindern mit LKG-Spalten bezieht die Myofunktionelle
Therapie (MFT) mit ein. Die Myofunktionelle Therapie liefert mit
ihrer Konzeption einen direkten Zugriff therapeutischer Intervention.
Auf der Grundlage der Analyse eines falschen Schluckverhaltens wird
mittels der Myofunktionellen Therapie die gestörte Balance der
Gesichtsmuskulatur beeinflusst und die physiologische Funktion der
Zungenmuskulatur aufgebaut. Die Aktivierung der
Gaumen-, Schlund- und Kehlkopfmuskulatur zur Reduzierung des Näselns
und die Mobilisierung der vorderen Sprechmuskeln
zur Flexibilisierung der durch die Operationen fixierten Gewebe gehört
ebenso zur logopädischen Behandlung wie ein Training der
Sprechatmung, die Hörerziehung und Schulung der Stimme sowie Hilfen
beim Lauterwerb und bei der Lautkorrektur. Da Kinder mit LKG-Spalten häufig
Defizite in diesen Bereichen haben, gehören auch Übungen zum
Sprachverständnis, zum Wortschatzaufbau bzw. zur
Wortschatzerweiterung, zur Sprechgeschicklichkeit, Ausdrucksfähigkeit
und grammatischen Kompetenz zum logopädischen Programm. Die Prognose
ist dabei umso günstiger, je eher diese Behandlung einsetzt. Eine
ausführliche Beratung und Begleitung der Eltern ist obligatorisch.
Autor: Uwe Kurz
Informationen zum Thema Lese-Rechtschreibschwäche
Was ist Lese-Rechtschreib-Schwäche?
Das häufig auch unter dem Namen »Legasthenie« bezeichnete Phänomen
umschreibt die Schwierigkeit einiger Kinder, sich die korrekten
orthographischen Regeln der Schriftsprache einzuprägen und praktisch
anzuwenden. Dabei ist es von entscheidender Bedeutung, welche Ursachen
diesen Problemen zugrunde liegen. Da sich der Schriftspracherwerb in
mehrere Stufen unterteilen lässt, kann man letztlich nicht von »der«
Lese-Rechtschreibschwäche sprechen. Sie ist je nach Kind individuell
in unterschiedlichen Bereichen unterschiedlich stark ausgeprägt.
Ursachen der Lese-Rechtschreib-Schwäche
Zu den möglichen Ursachen einer Lese-Rechtschreib-Schwäche lassen sich unter anderem folgende ausgesuchte Aspekte zählen:
- fehlerhafte Lautsprache
- Sprachentwicklungsverzögerung und/oder allgemeine Entwicklungsverzögerung
- bestehende Sprachstörungen
- ungeeignete Lernstrategien
- mangelhafte Vorerfahrung mit der Bedeutung der Schrift, etwa im Elternhaus (z.B. Zeitung lesen etc.)
- unzureichend ausgeprägte phonologische Bewusstheit. Diese bezeichnet die Fähigkeit, mit Sprache in einer abstrakten Weise umzugehen, z.B. bei Sprachspielereien oder Reimen.
Umgang mit Lese-Rechtschreib-Schwäche
Grundsätzlich sollte der Begriff »Störung« in diesem Bereich
vermieden werden, da Kinder zu voreilig stigmatisiert werden können.
Dabei ist zu bedenken, dass die Betroffenen lediglich andere
Lernstrategien entwickelt haben, die als Konsequenz dazu führen »hinterher
zu sein«. Dabei ist auch der Weg der Wissensvermittlung nicht zu
unterschätzen. Viele Wege führen nach Rom und je nach den Bedürfnissen
des Kindes ist eine adäquate Lehrstrategie zu entwickeln, bei der
sich der Schüler interessiert engagiert und eine Einsicht in die
Bedeutung der Schriftsprache erhält. Eine statische Lehrposition ist
daher eher bedenklich, leider jedoch im schulischen Alltag nicht immer
gänzlich zu vermeiden. Kinder mit einer Lese-Rechtschreibschwäche
sehen Sprache meist noch als kommunikatives Instrument, mit welchem
Inhalte wie Meinungen, Stimmungen und Ideen durch Lautsprache
vermittelt werden.
Therapie bei Lese-Rechtschreib-Schwäche
Entscheidend für den therapeutischen Prozess ist die Erkennung der
vorliegenden Stufe des Schriftspracherwerbs sowie das Herausfiltern
der Ursachen. Von entscheidender Bedeutung ist es in den meisten
Fällen, den Kindern die Freude an der (Schrift-) Sprache
wiederzugeben und sie zu motivieren, Sprache weiter zu entdecken. Häufig
stehen Frustrationserlebnisse und Angst einem entspannten Lernprozess
im Weg, so dass zunächst geduldig eine Basis geschaffen werden muss,
um dem Kind einen neuen Zugang zu neuem Terrain zu schaffen. Anders
gesagt, muss die Schriftsprache zunächst eine »zweite Chance«
bekommen, sich als freudige Angelegenheit zu beweisen. So kann unterstützend
darauf eingewirkt werden, dass die Kinder ihre bisherige Lernstrategie
modifizieren können, um erfolgreich und mit Spaß an die Möglichkeiten
der Schrift heranzutreten.
Exemplarische Bausteine einer Therapiestunde
Dabei steht die Vermittlung eines positiven Sprachgefühls im Vordergrund. Wortschatzerweiterung, Übungen zur Schreibweise und Wortwitze- und Spielereien ergänzen diesen Bereich.
- Funktionelle Übungen
zur allgemeinen Wahrnehmung (Konzentration, Gedächtnis, vorschulische Fertigkeiten wie Formen, Farben usw.) - Rechtschreibtraining
durch Arbeitsblätter, kommunikative Situationen zum jeweiligen orthographischen Problem erarbeiten und sie in kreativer Weise verschriftlichen - Sprechfreude
zurückgewinnen durch positive Erlebnisse mit Bildergeschichten, Nacherzählungen usw. unter Einbezug persönlicher Erfahrungen - Leseübungen,
die auch durch diverse Medien, z.B. einem Tonbandgerät unterstützt werden können.
Die Abhängigkeit von gesprochener und geschriebener Sprache
Neben der gesprochenen Sprache, der so genannten Lautsprache, gibt
es eine zweite wichtige Kommunikationsform: die Schriftsprache. Sie
ermöglicht es uns, Gedanken festzuhalten, die in einer
lautsprachlichen Unterhaltung möglicherweise untergehen würden, da
die gesprochene Sprache sehr viel fluktuierender und rasanter
vonstatten geht. Gerade darin bestehen mögliche Schwierigkeiten für
den Lese-Rechtschreib-Erwerb.
Zum einen gibt es keinen direkten Ansprechpartner. Dies hat zur Folge,
dass die Sprache nun nicht mehr aus einem kommunikativen Hintergrund
benutzt wird, also etwa um sich mit jemandem zu unterhalten, sondern
in abstrahierter Form als gedanklicher Ausdruck der eigenen Ideen.
Somit muss sich der Schreiber zunächst bewusst sein, was er
verschriftlichen möchte. Im Gegensatz zur Lautsprache, wo sich viele
Gedanken aus der Situation heraus ergeben, verlangt die Schriftsprache
eine konkrete Motivation.
Zum anderen gibt es keine außersprachlichen
Ausdrucksmerkmale wie Gestik, Mimik oder Intonation. Das heißt, die
Inhalte, vor allem aber die Form der Aussage stehen im Mittelpunkt des
Geschehens, welche nicht durch das persönliche Auftreten
unterstrichen werden können. Dieses Merkmal verstärkt nochmals den
abstrakten Charakter der Schriftsprache, was gerade für Kinder eine
besondere Herausforderung darstellt, da sie zunächst noch an sehr
konkrete Vorstellungen gebunden sind: »Womit fängt Auto an?« - »Mit
der Stoßstange.« (Q.: Valtin 1988, 13). Das Beispiel zeigt, dass
gerade ABC-Schützen häufig Schwierigkeiten haben, sich der Form der
Sprache zu widmen und sich von dem Inhalt einer Aussage zu lösen.
Sprache muss also zunächst reflektiert und in Inhalts- und
Ausdrucksseite unterschieden werden. Dabei ist zu betonen, dass die
eigene Aussprache eine zentrale Rolle spielt.
Zwar streiten sich die Wissenschaftler noch darüber,
ob ein Kind mit einer Aussprachestörung mit dem Erwerb der
Schriftsprache weitere Probleme bekommt oder ob diese zusätzliche
Auseinandersetzung mit Sprache sogar förderlich auf die Beseitigung
der bestehenden Sprechstörung einwirken kann. Tendenziell wird von
letzterem ausgegangen. Durch die Schrift werden dem Kind sprachliche
Prozesse bewusster, so dass es gewisse Regelhaftigkeiten auch in seine
Lautsprache übertragen kann.
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin: Vera Lüttgen
Informationen zum Thema Myofunktionelle Störungen
Was ist eine myofunktionelle Störung?
Bei einer myofunktionellen Störung sind Muskelspannung und Bewegungsmuster der äußeren und inneren Mundmuskulatur in einer Weise gestört, dass es zu
- falscher Zungenruhelage
- falschem Schluckmuster und/oder
- Aussprachestörungen (meist s, sch, aber auch bei d, t, l, n)
kommen kann. Falsches Schluckverhalten kann seinerseits zu
- Fehlstellungen der Zähne
- Deformationen im Knochenwachstum des Kiefers
- Spannungen und Schmerzen im Gesichtsbereich
- Kiefergelenksbeschwerden
- Missempfindungen in Mundraum und Hals (»Kloß im Hals«)
- verspätetem Durchbruch der bleibenden Zähne und/oder
- Rückfällen (Rezidiven) nach Zahn- oder Kieferregulierung führen.
Im Normalfall sind die Kräfte der Zunge und der übrigen
Mundmuskeln ausgeglichen, sodass ein Kräftegleichgewicht herrscht.
Bei einer myofunktionellen Störung ist der von der Zunge ausgeführte
Schluckvorgang meist derart gestört, dass die Zunge anstatt gegen den
harten Gaumen zu drücken gegen oder zwischen die Front- oder Backenzähne
presst. Dadurch ist die Zunge alleine nicht mehr in der Lage,
Speichel, Speisen oder Getränke dahin zu transportieren, von wo aus
der unwillkürliche Weitertransport geschieht. Die umgebenden
Mundmuskeln (Lippen, Kaumuskeln, Kinnmuskel etc.) müssen nun helfen,
das entstandene Ungleichgewicht zu kompensieren.
Welche Auffälligkeiten zeigen sich noch?
Die Lippen
sind in Ruhe häufig geöffnet. Bei einer gleichzeitigen Kiefer-
oder Zahnfehlstellung können die oberen Schneidezähne auf die
Unterlippe beißen. Die Oberlippe ist durch einen offenen Mund häufig
verkürzt und hochgerollt, die Unterlippe ist oft wulstig verdickt.
Manchmal werden die Lippen auch gewohnheitsmäßig geleckt, sie werden
rot oder rissig, beim Schlucken sind sie zu schlaff oder extrem
zusammengepresst.
Die Zunge
liegt meist nicht in der korrekten Ruhelage (im Idealfall hat die
Zungenspitze einen leichten, flächenhaften Kontakt mit dem harten
Gaumen hinter den oberen Schneidezähnen, ohne diese zu berühren),
sondern liegt auf dem Mundboden und legt sich an oder zwischen die Zähne.
Beim Schlucken hebt sich der Zungenmittelteil nicht an den harten
Gaumen, die Zungenspitze drückt gegen oder zwischen die Zähne. Die
Zungenränder sind oft verdickt, gerötet oder zeigen Abdrücke der Zähne.
Die Zungenbeweglichkeit ist häufig eingeschränkt. Möglicherweise
liegt ein verkürztes Zungenbändchen (Ankyloglossie)
vor.
Kiefer und Gaumen
sind meist wenig ausgeprägt, da die formbildende Kraft der Zunge
am Gaumen fehlt. Der Kiefer wirkt dreieckig, der Gaumen ist mitunter
hoch und spitz.
Die Aussprache
ist häufig durch »Lispeln« der Laute s, z und / oder sch gestört.
Mitunter werden diese Laute auch seitlich »gezischelt«. Eine
myofunktionelle Störung muss nicht zwangsläufig mit einer sprachlichen
Auffälligkeit einhergehen.
Die Körperhaltung
ist häufig schlaff oder zu verspannt, mitunter auch aus dem »symmetrischen
Gleichgewicht«.
Die Zwerchfellfunktion
kann durch eine fehlerhafte Körperhaltung eingeschränkt sein.
Die Spannung für die Bauchatmung fehlt.
Die Atmung
geschieht häufig durch den Mund, wobei die Zunge auf dem
Mundboden liegt. Folge sind verstärkt Erkältungskrankheiten und
Infektionen der Atemwege. Ihr HNO–Facharzt sollte feststellen, ob
organische Ursachen für die Mundatmung vorliegen (z. B. Allergien,
Polypen ...).
Wie kommt es zu Störungen der Mundmuskelbalance?
Ursachen für eine myofunktionelle Störung können sein:
- Flaschenernährung des Säuglings
anstelle von richtigem und ausreichend langem Stillen. Dabei spielt die Form und Funktion des verwendeten Saugers eine wichtige Rolle. - Gewohnheiten
wie Daumenlutschen oder Nägelkauen - behinderte Nasenatmung
durch Allergien, vergrößerte / entzündete Tonsillen (Mandeln) oder Adenoide (sog. »Polypen«) - Wachstumsanomalien
des Gesichtsskeletts: Progenie (sog. »Nussknackerkinn«), skelettal offener Biss u.a. - Sekundärsymptomatik bei Lippen-Kiefer- und/oder Gaumenspalten
- möglicherweise auch durch Vererbung u. a.
Selten kann dabei genau festgestellt werden, welche Faktoren ursächlich für das Entstehen einer myofunktionellen Störung verantwortlich sind. Häufig treten mehrere Symptome gleichzeitig auf und erhalten sich in ihren Fehlfunktionen gegenseitig aufrecht.
Beispiele für mögliche »Kettenreaktionen«:
Mundatmung durch vergrößerte Polypen
↓
fehlender Mundschluss
↓
falsche Zungenruhelage
↓
falsches Schlucken
↓
Zahnfehlstellungen
↓
Aussprachestörung
oder
Daumenlutschen
↓
Zahnfehlstellung (offener Biss)
↓
falsches Schlucken
↓
(Zunge gleitet in die Öffnung)
↓
Aussprachestörung
↓
Mundatmung
Was kann man tun?
Bereits im Säuglingsalter kann durch ausreichend langes Stillen
die Grundlage für eine gute Gesichtsmuskelbalance gelegt werden,
indem die Mund- und Zungenmuskeln durch die natürliche Ernährung
in ihren physiologisch richtigen Bewegungen trainiert werden. Kann auf
eine Flaschenernährung nicht verzichtet werden, sollte der Sauger
eine natürliche Form besitzen, wodurch die Zunge nicht auf den
Mundboden gedrückt wird (z. B. Playtex–Sauger. Fragen Sie in Ihrer
Apotheke). Auf keinen Fall darf die am Sauger befindliche Öffnung
nachträglich vergrößert werden.
Angewohnheiten wie Daumenlutschen, Nuckeln an Schnuller, Teeflasche
oder anderen Objekten sollten möglichst frühzeitig abgewöhnt werden
(bzw. es sollte erst gar nicht dazu kommen), um einer Verformung des
Kiefers oder einem lutschoffenen Biss
vorzubeugen. Liegt bereits ein offener Biss (oft in Gesellschaft einer
S-Laut–Fehlbildung) vor, kann bereits ab dem 3. Lebensjahr durch den
Einsatz einer sog. Mundvorhofplatte eine
Korrektur eingeleitet werden. Mundvorhofplatten sind
Kunststoffgebissschienen, die die Zähne und den Kiefer während des
Tragens in die rechte Position lenken und ein Durchrutschen der Zunge
zwischen die Zähne verhindern sollen.
Es gibt unterschiedliche Ausführungen aus festem oder weichem
Kunststoff mit oder ohne weitere Regulationshilfen für die
Zungenfunktion. Fragen Sie hierzu Ihren Kinderarzt, Zahnarzt,
Kieferorthopäden, Logopäden oder Sprachtherapeuten.
Bis zum 10. Lebensjahr kann sich ein fehlerhaftes
Schluckverhalten noch selbst korrigieren. Danach ist eine Veränderung
des Schluckens nur noch mit therapeutischer Unterstützung möglich.
Wie läuft eine myofunktionelle Therapie ab?
In der Regel wird eine myofunktionelle Therapie von Logopäden oder
Sprachheilpädagogen mit dem entsprechenden Fachwissen, seltener von
Kieferorthopäden oder deren Hilfskräften durchgeführt.
Dabei wird zunächst großer Wert gelegt auf den Abbau und die Abgewöhnung
eventuellen Lutschverhaltens an Fingern, Schnullern oder anderen
Objekten. Danach folgt die Bewusstmachung und Einübung der korrekten
Zungenruhelage, Übungen zur Kräftigung und Flexibilisierung der
Zungen- und Gesichtsmuskeln flankieren diese Maßnahme.
Bevor das eigentliche Training des »richtigen«
Schluckens beginnt, werden weitere Übungen für die Zunge,
insbesondere für deren Mittelteil durchgeführt. Das Einüben des
korrekten Schluckvorganges beginnt im allgemeinen mit dem bewussten
Schlucken fester Nahrung und wird im weiteren Verlauf dann auch auf
das Flüssigschlucken ausgedehnt. Können ganze Mahlzeiten und Getränke
richtig geschluckt werden, ist es wichtig, dass das neue Verhalten das
bisherige Schluckmuster ersetzt und immer öfter »automatisch« abläuft.
Endziel der myofunktionellen Therapie ist eine ausgeglichene Gesichtsmuskel–Balance und darauf aufbauend der unwillkürlich korrekt ablaufende Schluckvorgang.
Autor: Uwe Kurz
Informationen zum Thema Mutismus
Was ist Mutismus?
Wir alle kennen das: es gibt Situationen, in denen fühlt man sich
so unwohl, dass man, wenn man sie schon nicht gänzlich vermeiden
kann, es vorzieht nichts bzw. so wenig wie möglich zu sagen.
Dementsprechend ist es auch ein durchaus nachvollziehbares Phänomen,
wenn Kinder in unbekannten Situationen und/oder gegenüber ihnen
fremden Personen so verängstigt erscheinen, dass sie schweigen.
Behalten Kinder, Jugendliche oder auch Erwachsene dieses Schweigen
jedoch bei, auch wenn die Situation und die jeweils anwesenden
Personen bereits vertrauter sind, spricht man (im Gegensatz zum totalen
Mutismus, also dem generellen Verzicht auch jede Form von Lautäußerungen)
von selektiv (elektiv) mutistischem Verhalten (lat.: mutus =
stumm).
Selektiver Mutismus wird als eine psychische Störung
vom Mutismus bei Psychosen und vom Mutismus bei hirnorganisch
bedingten Störungen abgegrenzt und ist im Rahmen dieser Ausführungen
die Grundlage, da diese Kommunikationsstörung in das Arbeitsfeld der
Sprachheilpädagogik/Logopädie fällt. Selektiver Mutismus drückt
aus, dass die Kommunikation durch partielles Schweigen beeinträchtigt
ist. Solche Kinder (im weiteren wird der Schwerpunkt auf diese
Personengruppe gelegt) reden in ihren Familien oder mit ihren
vertrauten Freunden, »verstummen« aber im Kindergarten, in der
Schule, bei entfernteren Verwandten. Dabei können u. U. auch sämtliche
andere lautlichen Äußerungen betroffen sein (kein Lachen, tonloses
Weinen; Unterdrückung von Husten oder Schmerzempfinden etc.). Man
darf dieses Schweigen der Kinder, trotz der Fähigkeit, Sprache zu
verstehen und zu produzieren, jedoch keinesfalls als bewusst
gesteuertes Verhalten bewerten. Vielmehr leiden sie selbst unter der
Situation und können diese auch im vertrauten Umfeld nicht erklären.
Daher ist der selektive Mutismus
differentialdiagnostisch abzugrenzen vom Schweigen als bewusster
Vermeidungsstrategie oder als situativer Reaktion, wie beispielsweise
- Sprechangst
- Schüchternheit
- Trotz
- Migrationseffekt
- Sprachentwicklungsstörung
- Autismus
- Hörschädigung
- Psychose
- Hörstummheit
- Psychogene Aphonie
- Organische Störung
Zum Entwicklungsverlauf des Mutismus
In der Fachliteratur wird der durchschnittliche Beginn von selektiv
mutistischem Verhalten zwischen 3. und 4. Lebensjahr angegeben. Dieser
frühe Beginn begründet sich mit dem ersten Übergang der Kinder vom
vertrauten Familienumfeld zum unvertrauten größeren sozialen Umfeld
(in der Regel Kindergarten oder Kindertagesstätte). In dieser neuen
Situation gilt es sich zu behaupten und einzugliedern, wozu
Kommunikation erforderlich ist. Für ohnehin sehr ängstliche und schüchterne
Kinder, denen eine Trennung von den Eltern schwer fällt, kann dies
eine angstauslösende Überforderung bedeuten. Auch der Übergang in
die Schule stellt eine belastende Phase dar, die selektiv mutistisches
Verhalten hervor rufen bzw. verstärken kann.
Daher ist der weitere Entwicklungsverlauf im hohen
Maße davon abhängig, inwieweit es gelingt, solche Kinder möglichst
ohne Druck und Angstgefühle ins (außer-)unterrichtliche Geschehen zu
integrieren. Oftmals nehmen verbale Äußerungen mit wachsendem
Sicherheitsgefühl und Vertrauen zu, auch wenn generell ein eher schüchternes
Verhalten bestehen bleibt.
Was kann die Sprachtherapie leisten?
Wie bereits angedeutet, ist zunächst natürlich eine umfassende
diagnostische Abklärung des individuellen Falls zwingend
erforderlich. Sind medizinische Ursachen oder traumatische Erlebnisse
ausgeschlossen, erweist sich die Sprachheilpädagogik als die
Disziplin, die sich mit dem in seiner Kommunikationsfähigkeit beeinträchtigten
Menschen befasst. Dabei ist zunächst nicht das Schweigen an sich als
Störung betrachtet. Vielmehr sind es die Auswirkungen des Schweigens,
die sich zu einer Störung in der normalerweise wechselseitigen
Kommunikation manifestieren. Dementsprechend sind jeweils beide
Kommunikationspartner betroffen, d.h., insbesondere auch das Umfeld
solcher Kinder mit selektiv mutistischem Verhalten ist hilflos,
verunsichert und oftmals überfordert (insbesondere hinsichtlich
Schule, Leistungsüberprüfungen, Noten etc.).
Es gibt in der Therapie von mutistischen Kindern
keinen vorgefertigten Therapieplan, nach dem man vorgehen kann und
einen Erfolg versprechen kann. Es darf auch keinesfalls ehrgeiziges
Therapieziel sein, dem Kind endlich ein Wort zu entlocken! Wichtig ist
dagegen, dem Kind Möglichkeiten zu schaffen, sich angstfrei zu fühlen
und nach eigenem Bedürfnis über alternative Kommunikationswege Nähe
und Distanz regulieren zu können und zunächst JA/NEIN-Entscheidungen
treffen zu können. Dabei sollten die Interessen des Kindes den
Mittelpunkt der gemeinsamen Interaktionen bilden, so dass es sich in
seiner Selbstwirksamkeit erleben kann und an Selbstbewusstsein
zunimmt, so dass einer sich möglicherweise entwickelnden Sozialphobie
bereits möglichst früh begegnet werden kann.
Darüber hinaus sollten auch die sprachlichen
Ressourcen über individuell angemessene Zugänge spielerisch
erweitert werden, denn trotz der diagnostischen Abgrenzung zu
Sprachentwicklungsstörungen (s.o.), zeigt sich in der Praxis häufig
eine Grauzone, da oftmals auch die Angst und Unsicherheit aus einer
Hilflosigkeit in sprachlichen Anforderungssituationen resultiert.
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin: Kathrin Werner
Quelle:
Schoor, U.: Mutismus,
in: Grohnfeldt (Hrsg.): Lehrbuch der Sprachheilpädagogik und Logopädie.
Bd. 2, Stuttgart 2001
Informationen zum Thema Mundvorhofplatte
Was ist eine Mundvorhofplatte?
Schon 1965 wurde die Mundvorhofplatte (MVP) von Dr. E. Schönherr
(Radebeul/Dresden) in der Zahnmedizin als vorbeugende Maßnahme zur
wirkungsvollen Vermeidung von Kieferanomalien und Zahnfehlstellungen
eingeführt. Sie ist als geeignetes Behandlungsmittel anerkannt. Die
Mundvorhofplatte liegt lose vor den Zähnen und wird mit den Lippen
gehalten. Durch das stundenweise bewusste Tragen der Platte am Tage
kann der Lippenschlussreflex trainiert werden, damit die
Mundvorhofplatte auch in der Nacht unbewusst festgehalten wird.
Was sind die Ziele der Mundvorhofplattenbehandlung?
Das Hauptziel der Mundvorhofplatten-Behandlung ist die Behebung schädlicher Lutschgewohnheiten und anderer Fehlfunktionen von Lippen oder Zunge. Liegen bereits Zahnfehlstellungen im Milchgebiss vor, kann durch das Tragen der Mundvorhofplatte eine Selbstregulierung sowie die normale Kieferentwicklung eingeleitet oder unterstützt werden. Die Mundvorhofplatte dient als Ersatz für Daumen, Beruhigungssauger, Dauernuckelflasche oder andere Lutschkörper. Freiwillig und ohne Zwang kann mit diesem Hilfsmittel das Lutschen abgewöhnt werden. Doch nicht nur bei der Beseitigung der Lutschgewohnheiten ist die Mundvorhofplatte angebracht, sondern auch bei
- der Umstellung von Mund- auf Nasenatmung
- der Beseitigung von Sprechfehlern (»Lispeln« oder »Zischeln«)
- der Herbeiführung eines zwanglosen Lippenschlusses
- Zungenfehlfunktionen (Zungenpressen, falsche Zungenruhelage)
- der Behebung fehlerhaften Schluckens
- zu schwacher Lippenmuskulatur
- erworbenen Angewohnheiten im Mundbereich (Habits) wie Lippenbeißen, Lippensaugen, Fingernägelknabbern
- ungünstigem Wachstum der Kiefer
- mangelnden Kaufunktionen
- Zahnstellungsanomalien z.B. offener Biss
- der Vorbereitung der Bisslageumstellung bei Rücklage des Unterkiefers
- oder auch als Hilfsmittel bei myofunktionellen Übungen.
Wie wird die Mundvorhofplatte angewendet?
Der Erfolg einer Mundvorhofplatten-Anwendung ist aber erst nach Vollendung des 3. Lebensjahres zu erwarten. Dann ist der freiwillige Austausch gegen einen Sauger oder eine Nuckelflasche möglich. Nach Vollendung des 4. Lebensjahres kann mit der Akzeptanz einer Mundvorhofplatte zur Abgewöhnung von Lutschverhalten gerechnet werden. Aus diesem Grund ist es wichtig, diese erworbenen Angewohnheiten so früh und so schnell wie möglich abzustellen und das normale Gleichgewicht zwischen Zunge einerseits und Lippen und Wangendruck andererseits wiederherzustellen, die Zungenlage zu trainieren, die Nasenatmung einzustellen und gegebenenfalls Zahnstellungsanomalien zu korrigieren.
Autor: Uwe Kurz
Informationen zum Thema Rhinophonie (Näseln)
Was ist »Näseln«?
Näseln (Rhinophonie) ist eine Störung, bei der die oberen
Resonanzräume (Nasenrachenraum und Nasenhöhlen) die Lautbildung
pathologisch beeinflussen. Eigentlich handelt es sich bei dieser Störung
um eine Veränderung des Stimmklanges, jedoch kommt es im Rahmen
dieser Störung auch zu Lautveränderungen und/oder
Lautverschiebungen. Normalerweise werden die meisten deutschen Laute
im mittleren Rachen und in der Mundhöhle gebildet. Ausnahmen sind die
Nasallaute /m/, /n/ und /ng/. In der Praxis heißt das, der tönende
Luftstrom tritt in der Regel durch die Mundhöhle aus. Dies ist dann möglich,
wenn ein Abschluss des mittleren Rachens gegen den Nasenrachenraum
erfolgt. Dafür verantwortlich ist in erster Linie das Gaumensegel mit
seinen Muskeln. Neben seiner Bedeutung für Stimm- und Lautbildung ist
der weiche Gaumen an Atmung, Saugen, Schlucken und Belüften des
Innenohres.
Welche Formen des Näselns können unterschieden werden?
Bei Funktionsstörungen der beteiligten Muskeln des Nasenrachenraumes und des Gaumensegels kann die Nasenresonanz
- zu intensiv (offenes Näseln)
- in zu geringem Maße (geschlossenes Näseln) oder
- in Kombination der beiden Formen (gemischtes Näseln)
an der Klangbildung beteiligt sein.
Beim Sprechen und Pusten erfolgt der Abschluss zum Nasenrachenraum
durch Heben des Gaumensegels. Jede Funktionsstörung der beteiligten
Muskeln führt zur übermäßigen Beteiligung des Nasenresonanzraumes,
d.h. der tönende Luftstrom dringt durch die Nase nach außen, da der
lückenlose Abschluss des Nasenresonanzraumes durch das Gaumensegel
nicht mehr gewährleistet ist. Die daraus resultierende Störung ist
das offene Näseln, das durch den so genannten nasalen Durchschlag
gekennzeichnet ist. Bei Insuffizienz des Gaumensegels versuchen andere
Muskeln die fehlende Spannung an der Rachenhinterwand zu kompensieren.
Das geschlossene Näseln zeigt sich, wenn
Behinderungen im Nasenrachenraum vorliegen, die es nicht zulassen,
dass der Luftstrom durch die Nase austritt (Stockschnupfensprache).
Das gemischte Näseln tritt auf, wenn zum fehlenden
oder mangelhaften Verschluss des Gaumenrachens gleichzeitig eine
Nasenundurchgängigkeit vorliegt.
Die Differenzierung zwischen Näseln und Nasalität
In Abgrenzung zum pathologischen »Näseln« lässt sich eine
physiologische Nasenresonanz auch im deutschen Lautbestand finden. So
gibt es zunächst einmal die Nasallaute /m/, /n/, /ng/, die eine
starke Mitbeteiligung der Nasenhöhlen und des Nasenrachenraumes
aufweisen. Je nach den begleitenden Lauten ist auch eine Nasalierung
einzelner Vokale physiologisch (in anderen Sprachen z.B. im Französischen
wesentlich stärker und häufiger als im Deutschen). Dabei erfahren
die Vokale im Umfeld der Nasallaute (z.B. bei Mann, nun, nein, niemand
usw.) eine verstärkte Nasalierung, während bei Vokalen in Verbindung
mit Verschlusslauten (z.B. bei satt, Kitt, Watt ...) keinerlei
Beteiligung der Nasenräume zu verzeichnen ist.
Unter Nasalität versteht man jedoch auch, wenn
beim normalen Sprechen und Singen aus klangästhetischen Gründen eine
übermäßige resonatorische Mitbeteiligung der Nasenräume angestrebt
wird. So dringen unter gewissen bewusst gebildeten Bedingungen
Tonwellen in die Nasen- und Nasenrachenhöhle ein. Dadurch kommt es
zur Verstärkung einiger Obertöne, wodurch die Stimme mehr Tragfähigkeit
erfährt und die Anstrengung der Kehlkopfmuskulatur vermindert wird.
Zusammenfassend kann man sagen, dass es sich bei der Nasalität
um eine erwünschte Nasenresonanz handelt, während das Näseln immer
als pathologische Veränderung des Stimmklanges zu sehen ist.
Welche Ursachen führen zum Näseln?
Ursachen für das offene Näseln können organisch bedingt oder
funktionell sein. Am häufigsten tritt offenes Näseln bei einer
angeborenen Gaumen- oder Kiefer-Gaumenspalte
auf. Es gibt auch einige Fälle, in denen ein genetisch
bedingtes verkürztes Gaumensegel vorliegt, welches einen guten
Abschluss verhindert. Lähmungen infolge einer Gehirnentzündung
(Enzephalitis) oder eine angeborene Schwäche der Gaumensegelmuskeln,
eine allgemeine Schlaffheit in der Körperspannung (Hypotonie) sowie
eine beibehaltene Angewohnheit (z.B. Schonhaltung nach einer Mandel-
oder Polypenentfernung) können Ursache des offenen Näselns sein.
Geschlossenes Näseln wird in der Mehrzahl der
auftretenden Fälle durch organisch bedingte raumverengende Verhältnisse
im Nasenrachenraum hervorgerufen z.B. durch Nasenpolypen, allergische
Reaktionen, welche sich auf die Nasenschleimhaut auswirken, eine verkrümmte
Nasenscheidewand, Tumoren in diesem Bereich sowie bei insbesondere im
Kindesalter auftretende Vergrößerungen der Rachenmandeln. Bei
fehlendem oder mangelhaftem Verschluss des Gaumenrachens und einer
gleichzeitig vorliegenden Behinderung der Nasendurchgängigkeit kommt
es zum gemischten Näseln.
Therapie des Näselns
Zunächst ist dafür Sorge zu tragen, dass die anatomischen Verhältnisse soweit korrigiert werden, dass theoretisch ein gesunder Klang möglich ist (Verschlussoperation bei einer Gaumen- oder Kiefer-Gaumenspalte, Entfernung von Tumoren, Wucherungen z.B. der Gaumenmandeln, Begradigung der Nasenscheidewand usw.). Die anschließende logopädische Therapie bezieht die folgenden Bereiche mit ein: Bewusstmachung der Luftwege und der Atemführung insbesondere auch der Nasenatmung, die Aktivierung der Muskulatur von Gaumen, Schlund und Kehlkopf unter Einbeziehung der grobmotorischen Muskeln, Mobilisierung der vorderen Sprechmuskeln wie Lippen und Zunge, Training der Sprechatmung, Schulung von Hören und Stimmführung, (falls erforderlich) Hilfen beim Lauterwerb und bei der Lautkorrektur sowie Sprech- und Sprachschulung.
Autor: Uwe Kurz
Informationen zum Thema Schlaganfall
Schlaganfall - Was ist das?
Unter »Schlaganfall« (Apoplex) versteht man Durchblutungsstörungen
des Gehirns die länger als 24 Stunden andauern. Der dabei entstehende
Sauerstoffmangel beeinträchtigt die so stark, dass es zu Lähmungserscheinungen,
Sprachproblemen und/oder Sehschwierigkeiten kommen kann. Da jeweils
andere Gehirnbereiche von der Blutversorgung getrennt sein können,
fallen auch die Beschwerden zumeist unterschiedlich aus. Von großer
Bedeutung ist dabei, ob die linke oder die rechte Hirnhälfte
betroffen ist, da sich die Lähmungserscheinungen stets auf der gegensätzlichen
Körperseite bemerkbar machen: Bei Durchblutungsstörungen in der
linken Hirnhälfte kommt es zu Lähmungen auf der rechten Körperseite.
Bei Rechtshändern befindet sich das Sprachzentrum in der linken Hirnhälfte,
so dass neben den Lähmungserscheinungen auch Probleme
des Sprechens und des Sprachverständnisses auftreten können. Frühzeitig
erkannt und behandelt, können sich die Beschwerden innerhalb weniger
Wochen zurückbilden. Erfolgt die Behandlung des Schlaganfalles zu spät,
so sterben zu viele Gehirnzellen auf Grund des Sauerstoffmangels ab
und es kommt zu massiven bleibenden Ausfällen.
In Hinsicht auf ihre Ursachen und Auswirkungen unterscheidet man
mehrere Formen des Schlaganfalles:
- Handelt es sich um eine Minderdurchblutung des Gehirns, spricht man von einem Hirninfarkt (zerebraler Ischämie). Hirninfarkte sind mit einem Anteil von 75% die häufigste Ursache eines Schlaganfalles.
- Einblutungen in das Gehirn machen etwa 15% aller Schlaganfälle aus.
- Der Anteil der sog. Subarachnoidalblutungen (Blutungen in den schmalen Raum zwischen der weichen Hirnhaut und der Gehirnoberfläche liegt bei ca. 5%.
- Eine seltenere Form tritt in Folge von Verschlüssen der Kopfvenen durch Blutgerinnsel auf (Sinusthrombose).
Der Mini-Schlaganfall (TIA)
Als »TIA« (transitorische ischämische Attacke) bezeichnet man Durchblutungsstörungen des Gehirns mit weniger als 24 Stunden anhaltenden Beschwerden. Diese können sich durch flüchtige Schwächegefühle oder Gefühlsstörungen in Armen, Beinen oder Gesicht, aber auch durch Sprach- und Sehstörungen bemerkbar machen. TIAs sind schmerzfrei und in der Regel bleiben keine Beschwerden zurück, so dass sie leider häufig unbeachtet bleiben. Aber jeder dritte bis vierte Betroffene muss in den folgenden fünf Jahren mit einem »richtigen« Schlaganfall rechnen. Jeder fünfte TIA-Betroffene stirbt irgendwann an einem Schlaganfall oder Herzinfarkt. Deshalb gilt:
Lassen Sie sich nach einer solchen Attacke auf jeden Fall sofort
von einem Arzt untersuchen!
Welches sind die Warnzeichen eines Schlaganfalles?
Bei den folgenden Symptomen sollten Sie umgehend einen Arzt aufsuchen:
- plötzlich auftretendes Schwäche- oder Taubheitsgefühl im Gesicht, in Arm und/oder Bein einer Körperseite
- plötzlicher Sprachverlust, undeutliches Sprechen oder Störungen des Sprachverständnisses
- plötzlich auftretendes verschwommenes Sehen oder Erblinden auf einem Auge
- plötzlich auftretendes Schwindelgefühl oder Gleichgewichtsstörungen, insbesondere wenn dieses in Verbindung mit anderen Symptomen auftritt.
Welches sind die Risikofaktoren?
Für das Auftreten eines Schlaganfalles können verschiedene Faktoren als Ursache in Frage kommen, die in Kombination die Schlaganfallgefährdung erhöhen. Dabei unterscheidet man beeinflussbare und nicht beeinflussbare Risikofaktoren. Als nicht beeinflussbare Risikofaktoren gelten:
- Alter
Mit zunehmendem Alter nimmt auch die Häufigkeit von Schlaganfällen zu. Etwa 65% treten bei Menschen über 70 Jahren, die besonders durch Verkalkung (Arteriosklerose) der Gehirngefäße gefährdet sind, auf. - Geschlecht
Am häufigsten betroffen sind Männer zwischen 45 und 75 Jahren. Frauen leiden bis zu den Wechseljahren seltener als Männer an Bluthochdruck (Hypertonie). Bei Frauen erhöht sich allerdings das Schlaganfallrisiko, wenn sie die Antibabypille einnehmen, rauchen, hohen Blutdruck oder Migräne haben. - erbliche Krankheiten
z. B. angeborene Herzkrankheiten - Unfälle
Beeinflussbare Risikofaktoren sind:
- frühere Durchblutungsstörungen
- Arteriosklerose
- Hoher Blutdruck (Hypertonie)
Etwa zwei Drittel der Menschen, die einen Schlaganfall erleiden, haben überhöhten Blutdruck. Das Schlaganfallrisiko ist bei Werten über 165/95 mm Hg um mehr als dreimal größer. - erworbene Herzkrankheiten (z.B. koronare Herzkrankheit oder
Vorhofflimmern)
Als Auslöser von Schlaganfällen ist Vorhofflimmern mit Abstand die wichtigste Herzkrankheit. Dabei verliert das Herz seine normale Pumpfunktion, die Herzmuskeln der Vorhöfe ziehen sich unregelmäßig zwischen 300 und 600 mal pro Minute zusammen, so dass nicht genügend Blut in die Herzvorhöfe gelangt und sich Blutgerinnsel bilden können. In 10-15% aller Schlaganfälle spiel Vorhofflimmern eine ursächliche Rolle. - Rauchen
Mit der durchschnittlichen Anzahl täglich gerauchter Zigaretten steigt das Risiko von Rauchern, die eh schon ein 1,5% erhöhtes Risiko haben, noch weiter an, wobei Frauen gefährdeter sind als Männer. - falsche Ernährung
- Übergewicht
Übergewicht allein ist noch kein Risikofaktor, jedoch haben die meisten übergewichtigen Menschen gleichzeitig erhöhten und erhöhte Blutfettwerte oder Diabetes. Oft trinken sie zuviel Alkohol und bewegen sich zu wenig. - Zuckerkrankheit (Diabetes)
Menschen mit Diabetes haben ein 2,5-fach erhöhtes Schlaganfallrisiko. Durchschnittlich hat jeder fünfte Schlaganfallbetroffene einen gestörten Zuckerstoffwechsel. - Störungen der Blutgerinnung
- andere Blutkrankheiten
- erhöhte Blutfettwerte
Bei deutlich erhöhten Cholesterinwerten besteht ein erhöhtes Schlaganfallrisiko: Bei Werten über 240 mg/dl besteht ein verdoppeltes, bei Werten über 280 mg/dl ein verdreifachtes Risiko. - Alkoholismus
Wenn regelmäßig größere Mengen Alkohol getrunken werden, begünstigt dies das Auftreten eines Schlaganfalles. Als tägliche Obergrenze sind ein halber Liter Wein oder ein Liter Bier anzusehen, wobei auch unterhalb dieser Mengen Alkohol nicht unbedenklich ist. - Einnahme der Antibabypille
Nebenwirkungen der Antibabypille können das Schlaganfallrisiko erhöhen insbesondere, wenn andere Risikofaktoren wie Übergewicht, hoher Blutdruck und/oder Rauchen hinzukommen.
Wie kann man aktiv vorbeugen?
Wenn Sie die folgenden Hinweise beherzigen, können sie das Risiko,
einen Schlaganfall zu erleiden deutlich verringern:
Hören Sie mit dem Rauchen auf
und ihr Schlaganfallrisiko verringert sich um die Hälfte. Nach zehn
Jahren Nikotinabstinenz sind ehemalige Raucher nicht stärker gefährdet
als Nichtraucher.
Bewegen Sie sich mehr und regelmäßiger
Bewegung verringert das Körpergewicht, senkt den Blutdruck und schützt
vor Herzkrankheiten, die bekanntlich das Schlaganfallrisiko erhöhen.
Essen und trinken Sie gesund
Bewusste Ernährung senkt das Körpergewicht, den Blutfettanteil und
hilft, den Blutdruck zu normalisieren. Insbesondere sollte das
Augenmerk auf zuviel gesättigte Fettsäuren, Kochsalz und Alkohol
gerichtet werden. Ernähren Sie sich ausgewogen, ballaststoffreich und
fettarm um der Arteriosklerose vorzubeugen. Folgende Lebensmittel können
helfen, das Risiko eines Schlaganfalles zu vermindern: Obst, Gemüse,
Kartoffeln, Getreideprodukte, Meeresfisch, Olivenöl, fettarme
Milchprodukte, schwarzer Tee.
Übrigens:
Auch wenn Sie Acetylsalizylsäure (Aspirin, ASS...) als »Blutverdünner«
einnehmen, sollten Sie sich nicht in Sicherheit wiegen, sondern für
zusätzlichen Schutz durch regelmäßige Bewegung, Gewichtsreduktion
oder Nikotinabstinenz sorgen. Es werden lediglich 20-25% des Risikos
durch Einnahme von »Blutverdünnungsmitteln« gemindert. 75-80%
Restrisiko bleiben bestehen.
Autor: Uwe Kurz
Informationen zum Thema Sprachentwicklungsverzögerung
Was ist eine Sprachentwicklungsverzögerung?
Man spricht von gestörter Sprachentwicklung, wenn es zu deutlichen zeitlichen Verzögerungen und/oder anders als normal verlaufenden Entwicklungen in mehreren sprachlichen Bereichen kommt. Als Faustregel gilt das Alter von ca. vier Jahren. Spricht ein Kind dann noch auffällig anders als andere Kinder, sollte es dringend Fachleuten vorgestellt werden. Bereits vorher bestehen häufig Anzeichen, die eine gestörte Sprachentwicklung wahrscheinlich machen:
- herabgesetztes Hörvermögen
- häufig unangemessene Reaktionen auf altersgemäße sprachliche Aufforderungen
- das Ausbleiben bzw. das Verstummen der Lallphase (ca. im 7. Lebensmonat)
- mangelnde Bewegungskontrolle vor allem im Mund- und Gesichtsbereich (z. B. vermehrter Speichelfluss selbst wenn das Kind bereits über zwei Jahre alt ist)
- verspätet einsetzendes Auftreten der ersten Wörter (mit 1 1/2 Jahren oder später)
- verlangsamte Entwicklungsfortschritte in allen sprachlichen Bereichen (u. a. mit geringem Wortschatz von weniger als 100 Wörtern im Alter von 3 Jahren, schlechter Verständlichkeit des Sprechens sowie Fehlen von Zweiwortsätzen im Alter von ca. 2 Jahren)
- mangelnde Fähigkeit Fragen zu formulieren, wenn das Kind bereits drei Jahre alt ist.
Entwicklungsstörungen der Aussprache
Aussprachestörungen (Dyslalien) treten häufig im Kindesalter auf. Dabei werden von Kindern ein oder mehrere Laute nicht oder nicht richtig gebildet, oder sie kennen die Regeln noch nicht, die gebraucht werden, um einen Laut richtig einzusetzen. Dabei kommt es zu verschiedenen Fehlerarten. Manchmal wird beispielsweise ein Laut:
- ausgelassen
- anders gebildet
- durch einen anderen ersetzt
- mitunter sind auch ganze Silben von der Auslassung betroffen
Je mehr Laute betroffen sind, desto unverständlicher wird die
Aussprache des Kindes. Doch wie Sie anhand der kleinen Beispiele
erahnen, kann es selbst bei einem einzelnen fehlerhaften Laut bereits
zu gravierenden Missverständnissen kommen. Vor allem dann, wenn
dadurch Bedeutungsunterschiede, wie an dem Wortpaar »Kanne - Tanne«
deutlich wurde, nicht entsprechend lautlich gekennzeichnet sind.
Entwicklungsstörung des Wortschatzes
Probleme zeigen sich sowohl in einem reduzierten Umfang an »Wörtern«
sowie in spezifischen Lösungsstrategien des Kindes bei sprachlichen
Anforderungen. Eine beobachtbare Strategie ist, unbekannte Wörter zu
ersetzen. Dies kann auf verschiedene Weise geschehen, z. B. durch
Umschreibung. So bezeichnete ein Kind beispielsweise ein Glas Limonade
als »Glas mit Gelbes drin«. Manchmal antworten sprachgestörte
Kinder mit Wörtern aus dem benachbarten Umfeld dessen, was sie sagen
wollen. Zum Beispiel benannte ein Kind die Abbildung einer Nase als
Ohr, eine Laterne als Lampe bzw. Taschenlampe, eine Zitrone als
Aprikose sowie einen Rock als Kleid. Deutlich wird hier, dass es sich
nicht lediglich um einen einzelnen Versprecher handelt, sondern um
eine systematische Fehlleistung. Oft finden Annäherungen statt, so
als erarbeite sich das Kind das Zielwort über »Eselsbrücken«, was
sich in folgender Wortreihe widerspiegelt: »Schuhe - nein, Schuhmann
- nein, - Schuster!«
Diese Formen und Beispiele von Ersetzungen ließen
sich noch fortsetzen. Sie zeigen uns, dass die Wörter im »Kinderlexikon«
fehlen, der schnelle Zugriff darauf erschwert ist oder die Bedeutung
eines Wortes noch nicht ausdifferenziert ist. Wenn Kinder um ihre
Schwierigkeiten wissen, versuchen sie teilweise geschickt den
Situationen aus dem Weg zu gehen, indem sie bestimmte Spiele oder
Aufgaben meiden. Andere wiederum schweigen, sind wortkarg oder greifen
auf frühkindliche Verständigungsmöglichkeiten zurück. Dies kann
nichtsprachlich durch das Zeigen auf einen Gegenstand geschehen oder
sprachlich durch »Zeige-Wörter« wie »das da« oder »die da«.
Manche Kinder führen ihr Gegenüber zu dem Gegenstand, den sie
meinen.
Grammatik
Wendet ihr Kind im Alter von ca. vier Jahren die Regeln für die Stellung und Formung der Tätigkeitswörter bei einfachen Sätzen überwiegend fehlerhaft an, ist dies ein herausragender Hinweis auf eine Störung der Grammatikentwicklung (Dysgrammatismus). Charakteristisches Kennzeichen für diese gestörte Entwicklung ist, gebeugte Tätigkeitswörter bei einfachen Aussagesätzen an das Satzende zu stellen. Oder aber bei richtiger Position im Satz eine unpassende Form auszuwählen, die mit anderen Satzteilen nicht übereinstimmt. Bei Sätzen wie
»Ich größer bin.«
»Rita machen eine kleine Pause.«
»Da war wir drin.«
sind daher weitere Beobachtungen notwendig. Oft ist dies nur die »Spitze des Eisberges«. Der Artikelgebrauch sowie die Mehrzahlbildung bei Hauptwörtern und deren Eingliederung in einfachen Sätzen bereitet sprachentwicklungsgestörten Kindern ebenfalls Probleme, wie in folgendem kurzen Gespräch sichtbar wird:
Kind: »Da ist nur eine Auto.«
TherapeutIn: »Da ist nur ein Auto, genau!«
Kind: »Da sind ganz viele Auto. Und der Kind ist wieder fröhlich.«
Andere Abweichungen kommen meist hinzu, wie beispielsweise der unzutreffende Einsatz der Hilfsverben »sein« und »haben« in folgenden Kinderäußerungen:
»Ich hab bei die Schaukel runtergefall.«
»Da ist ich und da ist Rita.«
»Und da hab wir gegange bei die Turm.«
Deutlich wird hieran ebenfalls, dass die korrekte Verwendung von Präpositionen
schwer fällt - und das in der Regel auch noch über das 4. Lebensjahr
hinaus. Sprachgestörte Kinder benutzen jedoch auffällig oft
lediglich eine bestimmte Präposition durchgehend (wie hier: »bei die«)
als Platzhalter für die sprachliche Einheit. Eine besondere
Herausforderung stellen für sie weiterhin solche sprachlichen
Feinheiten wie die Anwendung von grammatischen Fällen innerhalb von Sätzen
dar: »Ist das ein echter Ei?« statt »Ist das ein echtes Ei?«.
Entwicklungsstörungen des Redeflusses
Kinder zeigen während der Sprachentwicklung
vielfältige Formen unflüssigen Sprechens, die im Zusammenhang
mit der allgemeinen Sprachentwicklung stehen. Sie erfordern einen
geduldigen und sprachmotivierenden Umgang, sind jedoch in aller Regel
nicht behandlungsbedürftig. Es gibt allerdings Redeunflüssigkeiten,
die sich hinsichtlich der Art und der Häufigkeit von den zuvor
geschilderten unterscheiden.
Folgende Merkmale werden als Anzeichen für beginnendes Stottern
gewertet:
- mindestens 3malige Wiederholungen von Teilen eines Wortes »Ko - ko - ko - kommst Du...«
- sogenannter Schwa-Laut »Be Be Be Banane«
- Dehnungen, länger als 1 Sekunde »Mmmmmama...«
- Dauer: Beobachten Sie diese Symptome bereits länger als 6 Monate?
Viele Kinder entwickeln ungünstige Strategien wie Vermeiden
bestimmter Wörter, Mitbewegungen anderer Körperteile etc., um solche
Auffälligkeiten zu überwinden. Dies wird umso eher der Fall sein,
wenn sein Umfeld unangemessen damit umgeht. Bei einigen Kindern ist
die Sprechgeschwindigkeit erhöht. Hinzu kommt u. a., dass sie beim
Sprechen Teile eines Wortes auslassen oder umstellen. Diese Form von
Redeunflüssigkeiten nennt man »Poltern«.
Ursachen
Bei der Frage nach den Ursachen muss man sowohl physiologische als
auch psycho-soziale Faktoren in Betracht ziehen. Verursachende
Bedingungen im physiologischen Bereich betreffen die Körperbeschaffenheit
und die Funktionsweise von Organen und Organgruppen. Hier können
beispielsweise Fehlbildungen der Sprechwerkzeuge (Mund, Kehlkopf und
Nasen-Rachenraum), hirnorganische Störungen, Hörstörungen oder Schwächen
in verschiedenen Teilleistungsbereichen wie Verarbeitung von
Sinnesreizen, insbesondere von Gehörtem eine Rolle spielen. Mit »psycho-sozial«
ist der enge Zusammenhang von sozialen Bedingungen und psychischem
Erleben und Verhalten gemeint. Kinder und ihre Eltern leben heute
teilweise unter erschwerten Lebensbedingungen: eine hohe
Arbeitslosenquote, berufliche Anforderungen, ein eingeschränkter
kinderunfreundlicher Lebensraum, ein verändertes Freizeitverhalten,
das durch vermehrten passiven Konsum (z. B. Fernsehen) gekennzeichnet
ist. Dies alles wirkt negativ auf das familiäre Miteinander und die
Qualität des »Miteinander-Redens«.
Manchmal finden sich bei Sprachentwicklungsstörungen
jedoch keine verursachenden Hinweise aus einem der beiden Bereiche.
Die Sprachstörung scheint für sich zu bestehen. Fördern
Sie ihr Kind, indem Sie sich viel mit ihm beschäftigen, mit ihm spielen
und sprechen.
Quelle:
Informationsbroschüren der Deutschen Gesellschaft für Sprachheilpädagogik,
Nr. 3 Störungen des Spracherwerbs/Nr. 4 Förderung des Spracherwerbs (Autorin: Angelika Schindler)
Informationen zum Thema »Die spielen ja nur!«
Ein paar Gedanken zu unserer Arbeit als Akademische Sprachtherapeuten/innen und Logopäden/innen
Auf den ersten Blick erscheint unsere Arbeit vielen wie jene Tätigkeiten,
die Sie bereits aus der Kinderbetreuung durch Erzieherinnen kennen. Da
wird gebastelt, gelacht - und eben gespielt. Gut, nebenher achten wir
als Fachleute für Sprache und Aussprache natürlich auch auf die
sch-, k- und s-Laute unserer Schützlinge oder berichtigen Sätze wie
»Ich da hindefallt.«
Aber halt! Nicht so schnell!
All unsere Aktionen haben nur ein Ziel, nämlich die Sprach- und
Sprechfähigkeit ihres Kindes, und damit seine Kommunikation insgesamt
zu verbessern. Dies kann aber nur gelingen, wenn wir die
Aufmerksamkeit des Kindes, sein Interesse und seine Sympathie haben.
Dazu ist es notwendig, dass wir uns als Erwachsene auf die Ebene der
Kinder begeben. Diese besteht im Allgemeinen nicht aus
Diskussionen, sturem Nachsprechen oder Auswendiglernerei. Die
Erlebniswelt des Kindes besteht aus dem Spiel, welches sich, je
nach Alter unterschiedlich ausdrückt.
Im Spiel weiß sich das Kind in einer natürlichen
Situation, die es bereits kennt, in der es sicher ist und auch bereit
ist, Neues kennen zu lernen. Eine pure Drill-Situation verunsichert
es, macht ihm Angst und blockiert es. Unter solchen Bedingungen ist
sicher kein Kind offen für Hinweise zur korrekten Aussprache oder
Erklärungen, wie Sätze in der richtigen Reihenfolge gebaut werden.
Klar! Daher betten wir Akademischen Sprachtherapeuten und Logopäden/innen,
unabhängig davon, ob wir uns gerade um die Mundmotorik,
die Artikulation oder die grammatikalischen
Fehlbildungen kümmern wollen, die uns zur Verfügung stehenden
wissenschaftlichen Erkenntnisse, Ansätze und Methoden meist in den
Rahmen eines Rollen- oder Regelspiels, in welchem sich das Kind nicht
in erster Linie um die Lernsituation kümmert, sondern sich zunächst
einmal für die Inhalte der Therapie öffnet. Diese werden dann fast
automatisch zur Kenntnis genommen, in die eigene Sprache übernommen
und schließlich von alleine aufgenommen, so dass sich Erfolge zeigen,
die auch von Nachbarn, Erziehern und Freunden gesehen werden.
Als konkrete Beispiele beschreiben wir Ihnen kurz
ein Rollen- und ein Regelspiel, welche mit dem Ziel gemacht werden,
eine bestimmte Sprach- oder Sprechstörung zu beseitigen.
Konkretes Beispiel: kleinere Kinder
Für kleinere Kinder, die sich noch nicht auf die einzuhaltenden
Regeln eines Brettspiels einlassen können, wählen wir häufig so
genannte Rollenspiele, um auf diese Weise die natürliche
Erfahrungswelt des Kindes zu berücksichtigen. Mit Hilfe von Hand-
oder Stabpuppen können beispielsweise reale oder märchenhafte
Situationen dargestellt, weiterentwickelt und Lösungen erprobt
werden. Dabei gilt unser Augenmerk stets den sprachlichen Auffälligkeiten
des Kindes. So kann es in einer Therapiesitzung vorkommen, dass ein böser
Zauberer in die heile Welt eines Schlosses eindringt, um dort die
kleine Prinzessin zu entführen. Er hext sich einen gefährlichen
Drachen, der gewaltig Zischen oder Fauchen kann, um die Wachen des
Schlosses auch tüchtig zu erschrecken. Schließlich nimmt sich der
Zauberer die Prinzessin und fliegt eilig und mit lautem Knall bzw.
lautem Zischen des schnellen Besens davon.
Der Zauberer kann zum Beispiel im Fall einer
fehlerhaften S-Bildung des Kindes (»Lispeln«) einen Drachen Feuer
spucken und in dem Zusammenhang zischen lassen. Bei einem Kind,
welches den Laut »k« oder »CH« noch erlernen soll, könnte der
Drache auch fauchen: »CHCHCHCHCH!!!!!«. Im weiteren Spielverlauf
wird der jeweilige Problemlaut aufgenommen, was Kinder häufig auch
unbewusst von selbst tun. Das Kind wird in seiner Aufmerksamkeit
geschult und lernt mit unserer Hilfe sein eigenes Sprechen und dann
auch seine sprachlichen Schwächen bewusster zu beobachten und zu
korrigieren. Die Herausforderung für uns liegt dabei in der
Beurteilung der Interessenlage des Kindes, denn schließlich findet
nicht jedes Kind »Prinzessinnen klauen« oder fauchende Drachen »cool«
und akzeptabel.
Konkretes Beispiel: ältere Kinder
Kinder, die schon etwas älter sind, spielen lieber Gesellschaftsspiele und geben sich nicht mehr mit »Babykram« ab. Hier nutzen wir beispielsweise das beliebte »Aquarium« - Spiel, in dessen Verlauf wir, je nach Stand der Therapie, verschiedene »Übungen«, die das Kind oft überhaupt nicht als solche erkennt, einbauen. Soll zum Beispiel ein Laut zunächst noch isoliert geübt werden, bietet es sich an, die Angel dabei ein bestimmtes Geräusch machen zu lassen, welches selbstverständlich sinnerfüllt sein muss und vor Spielbeginn besprochen wurde. So kann aus der einfachen Angel auch schon mal eine »Motor-Turbo-Angel« mit dem entsprechenden Geräusch werden. Ist die Therapie schon fortgeschritten, wird der Angelvorgang mit entsprechenden Worten oder Sätzen begleitet, in welchen der betreffende Laut vorkommt. Das Spiel ist also in jedem Falle, egal ob für jüngere oder für ältere Kinder, stets ein Zugang zum Lernprozess.
Sollten Sie noch Fragen haben, wenden Sie sich bitte an uns, denn auch wir sind froh und dankbar, wenn Eltern und Fachleute an einem Strang ziehen - zum Wohl der Kinder.
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin: Vera Lüttgen
Informationen zum Thema Spielen und kindliche Entwicklung
»Spielen ist im Vorschulalter nicht irgendeine Tätigkeit, die ausgeübt wird oder nicht, sondern es handelt sich dabei um eine lebensnotwendige Aktivität des Kindes.«
(Oerter 1993)
Lebensnotwendig?! Das klingt im ersten Moment zugegebenermaßen
sehr verwirrend. Schaut man sich aber die Bedürfnisse und
Lernprozesse von Kindern genauer an, so wird klar, dass sie großen
Nutzen aus dieser intensiv erlebten Tätigkeit ziehen. Dabei ist zu
betonen, dass vom Säugling bis zum Vorschulkind und darüber hinaus
gerne gespielt wird, jedoch auf anderen Entwicklungsebenen.
Spielen als Motor der kindlichen Entwicklung
Kinder können in einer gedachten Wirklichkeit (z.B. innerhalb
eines Rollenspiels) Verhaltensmöglichkeiten, soziale Regeln und die
Macht der Wörter ausprobieren, ohne reale Konsequenzen befürchten zu
müssen. So »darf« ein Handpuppenkrokodil beißen, schnappen, gemein
sein und böse Beschimpfungen aussprechen. Durch die Reaktion des
Gegenübers, z.B. einer Prinzessin, erfährt das Kind auf
spielerischer Ebene inwieweit ihm Grenzen gesetzt werden. Es lernt im
Austausch mit Anderen, neue Lösungswege kennen, andere verbale
Ausdrucksmittel einzusetzen oder eine veränderte Sichtweise
anzunehmen, z.B. durch einen Rollentausch (»Ich bin jetzt wohl mal
das Krokodil und du bist die blöde Prinzessin!«). Auf diese Weise
entdecken Kinder die Welt im wahrsten Sinne des Wortes »mit anderen
Augen«, so dass sie ihre Erfahrungen erweitern und in ihrer
Entwicklung voranschreiten.
Training aller Sinnesleistungen
Im Spiel gebraucht das Kind nahezu alle Sinnesleistungen, die in
Folge dessen »trainiert« werden. Das heißt, ein spielendes Kind,
z.B. bei »Mutter-Vater-Kind« achtet intuitiv darauf leise zu
sprechen (Hören), wenn das »Baby« schläft, streichelt es
vorsichtig, um es zu beruhigen (Fühlen), rennt schnell fünf bis
sechs Mal um den Tisch, weil der »Supermarkt« gleich schließt und
noch Babynahrung fehlt (Motorik), achtet darauf diese möglichst genau
zuzubereiten, dabei wird »abgeschmeckt« und geschnuppert, ob alles
gelungen ist (Riechen).
Spielen als konkretes Lernerlebnis
Um zu lernen brauchen wir konkrete Erlebnisse, die uns helfen die
Erfahrungen damit einzuordnen und abzuspeichern, also zu behalten. Im
Spiel geschehen diese Erlebnisse automatisch und ungezwungen. So
entsteht eine natürliche Lernumgebung.
Spielen ist Ausdruck der Persönlichkeitsentwicklung
Das Spiel ermöglicht die Auseinandersetzung mit mir selbst, das heißt, das Kind kann sich selber ausprobieren, indem es im Spiel fies oder feige ist. Es kann die Erfahrung machen:
- »Wie fühle ich mich dabei?«
- »Wie geht es mir damit?«
- »Wie reagiert mein Freund, wenn ich ihn ständig ins Ohr beiße (schließlich bin ich ja das Krokodil)?« usw.
Das heißt, das Spiel führt nicht nur in eine Richtung, nämlich
zu einer fortschreitenden Entwicklung, sondern es zeigt uns und dem
Kind selbst inwieweit es sich bereits von Anderen abgrenzen kann, ob
es die Meinung Anderer akzeptieren kann, eine eigene Meinung vertritt
oder gewisse persönliche Vorlieben bzw. Abneigungen entwickelt hat.
Dieses Wissen ist auch für den (Sprach-) Therapeuten von großer
Bedeutung.
Verarbeitung von Erlebnissen
Das Spiel ermöglicht es, frustrierende Erlebnisse zu verarbeiten
und somit eine bessere Toleranz gegenüber niederschmetternden
Erfahrungen zu entwickeln. Das kann im ganz kleinen Rahmen geschehen,
z.B. wenn ein Kind des öfteren beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel
verloren hat, das wurde jedoch auch in weit problematischeren und
psychologisch höchst sensiblen Bereichen wie z.B. dem Holocaust
beobachtet. George Eisen (Children and play in the holocaust, 1988)
berichtet in vielen Untersuchungen von der sehr intensiven
Spielgestaltung von Kindern in Ghettos und Konzentrationslagern.
Dieses Spiel in der permanent lebensbedrohlichen Umgebung diente der
reinen Lebensbewältigung. Zum einen in psychologischer Hinsicht, da
im Spiel ein glückliches Ende vorstellbar war, also eine Perspektive
geschaffen wurde. Zum anderen in sehr konkreter Hinsicht. Unter dem
Deckmantel des Spiels wurden Lebensmittel o.ä. geschmuggelt, um zu überleben.
Erkunden der Umwelt
Im Spiel kann das Kind Gegenstände neu erkunden und so ihre
Funktion immer genauer kennen lernen. Das Telefon zum Beispiel, wird
im Alter von etwa 12 Monaten an den Kopf und nicht ans Ohr gehalten.
Doch im Laufe der Zeit beobachtet das Kind immer genauer die Aktionen
der Erwachsenen, so dass es schon bald, mit ca. 2 Jahren, einfache
Sequenzen imitieren kann: das Telefon ans Ohr halten, etwas »sagen«,
den Hörer ablegen. Im Zuge dieser Entwicklung wächst auch die
Kompetenz, mit unbekannten Gegenständen umzugehen.
Die Realität im Zeitraffer
Indem Kinder Elemente des Erlebten aus der realen Welt innerhalb
ihrer Spielwelt (»Nebenrealität«) nachspielen können, begreifen
sie Stück für Stück Vorgänge und Handhabung der Erwachsenenwelt. Gäbe
es das Spiel nicht, bliebe die Welt für das Kind unverständlich und
chaotisch.
Das Spiel als Weg in die Selbstständigkeit
Fast alle Eltern kennen das: ohne das Lieblingsstofftier, das »Schnuffeltuch«
oder ein Erinnerungsstück an die Mama gibt es ein Riesentheater, wenn
es ums abendliche Einschlafen oder das Alleinsein im Kindergarten
geht. Dieses Verhalten ist jedoch keinesfalls ein Zeichen für Dickköpfigkeit,
sondern mehr ein mutiger Ausdruck für die beginnende Selbstständigkeit
des Kindes. Ein persönlich besetzter Gegenstand ist immer dabei, so
dass es dem Kind das Gefühl von Schutz vermittelt mit dem es dann
Neues entdecken kann.
Das Spiel als sicherer Rückzugsort
Häufig zeigen Kinder immer wieder die gleichen Spielrituale. Dabei
werden oft auch die gleichen Kommentare oder Lautmalereien verwendet.
Diese immerwiederkehrenden Handlungen dienen dem Kind als sicheres
Terrain, in dem es seine bisher erlernten Kompetenzen festigen und
sich ganz versunken hingeben kann.
Erfahren von Vertrauen
Indem sie sich ganz auf die vorher »vereinbarten« Spielregeln
verlassen, erfahren und erlernen Kinder das Gefühl von Vertrauen.
So werfen Väter gerne ihre Sprösslinge hoch in die Luft, um sie
danach sicher aufzufangen. Durch diese Erfahrung wird dem Kind das Gefühl
vermittelt »Ich bin für dich da«. Mit diesem Wissen kann sich Kind
auch Fremdem öffnen und in seiner Entwicklung sorglos voranschreiten.
Spielen und sprachliche Entwicklung
Die herausragende Bedeutung des Spielens auch für die sprachliche
Entwicklung des Kindes ist anhand der nachfolgenden Übersicht deutlich
zu erkennen. Sie wurde in Anlehnung an B. Zollinger (Hrsg.:
Kinder im Vorschulalter, 2000) erstellt.
3 Monate bis 2 Jahre
Art des Spiels: Erste Funktionsspiele
Viele Dinge werden erprobt, indem sie in den Mund genommen oder
fallengelassen werden.
Variationen von Handlungen: Telefon an den Hals führen, später an
den Kopf halten; Haarbürste zum Kopf führen.
Zunehmend immer korrektere Durchführung der Handlungen.
Sprachverständnis:
Nicht-situationale Aufforderungen werden mit 2 Jahren verstanden. »Iss die Suppe mit dem Malstift!«: Das Kind hat bereits die Erfahrung gemacht, dass das SO sicher nicht funktioniert.
Sprachproduktion:
Immer wiederkehrende Lautketten über Silbenplappern bis hin zu ersten Wörtern und Wortverbindungen.
Entwicklungsschritt:
Die Welt der Gegenstände wird entdeckt.
Das Kind lernt, wie die Dinge funktionieren und was die Erwachsenen
damit machen, um so selbst zu experimentieren.
2-4 Jahre
Art des Spiels: Symbolspiele
»So-tun-als-ob«, bei denen Dinge als etwas Reales behandelt
werden. So kann aus einer Banane ein Telefon werden. Noch findet das
Spiel zwischen dem Kind und dem Gegenstand statt. Erst allmählich
kann es sich auch für andere Kinder öffnen und dann mit ihnen
zusammen spielen und Handlungen gestalten.
Erste Gesellschaftsspiele:
»Vier erste Spiele«, »Aquarium« oder »Quips« führen Farben,
Formen und Zahlen ein, fördern soziale Regeln und erweitern die
Frustrationstoleranz.
Sprachverständnis:
Wörter werden verstanden und können in der Vorstellung
vergegenwärtigt werden.
Sie werden zunehmend Stellvertreter der Gegenstände selbst: Das
Telefon muss nicht mehr gesehen werden, um zu wissen, dass es das
Telefon gibt.
Sprachproduktion:
Wörter bekommen eine kommunikative Bedeutung.
Der Wortschatz wird erweitert und die Lautbildung weiter erworben.
Entwicklungsschritt:
In dieser Phase lernen Kinder neben der Welt der Gegenstände
und der Wörter, auch die Welt der Anderen zu entdecken.
4-6 Jahre
Art des Spiels: Rollenspiele
Aktives Erschaffen. Gegenstände werden Mittel zum Zweck: Höhle
bauen, in der die Familie lebt oder ein »Arztkoffer« wird Auslöser
einer komplexeren Spielgeschichte.
Abwechselnde Rollenverteilung (z.B. mit dem Teddy sprechen, Kind
antwortet für Stofftier).
Ideen und nicht mehr die Gegenstände selbst sind handlungsbestimmend.
Sprachverständnis:
Innere Vorstellungen von Alltagshandlungen werden
aufgebaut. Infolge dessen entsteht ein immer größerer Wortschatz.
Nur was gedanklich gespeichert ist, kann auch verstanden und
wiedergegeben werden.
Geschichten werden verstanden.
Sprachproduktion:
Satzbildungen werden zunehmend komplexer.
Kinder können sich auf das Gesagte von Anderen beziehen, selbst
Informationen geben und Fragen stellen.
Sprache ist wichtiges Mittel, um die eigenen Vorstellungen
mitzuteilen.
Entwicklungsschritt:
Kinder können zunehmend die Bedürfnisse anderer Kinder
akzeptieren und diese mit in den Spielplan einbeziehen. Dieses
Verhalten spiegelt sich auch in der Sprache wieder.
Ab 6 Jahre
Art des Spiels: Regelspiele
Spiele in der Gruppe, Tischspiele.
Bevorzugt auch Spiele, bei denen erstes schulisches Wissen gefragt ist
z.B. einfache Rechenaufgaben oder Buchstabenformen.
Rollen und Inhalte sind sehr realitätsnah.
Sprachverständnis:
Hohes Sprachverständnis als Grundlage für schulisches Lernen.
Sprachproduktion:
Höheres grammatikalisches Niveau und Erwerb der Schriftsprache
Entwicklungsschritt:
Soziale Beziehungen rücken in den Vordergrund.
Das abstrakte Denken schreitet voran.
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin: Vera Lüttgen
Informationen zum Thema Die normale Sprachentwicklung
Voraussetzungen für einen ungehinderten Spracherwerb sind:
Eigentlich ist es immer wieder ein kleines Wunder, dass viele Kinder ohne große Mühe sprechen lernen. Doch haben auch zahlreiche Kinder Schwierigkeiten dabei. Die Voraussetzungen für einen ungestörten Spracherwerb beginnen bereits in der Schwangerschaft. Hierbei entwickelt das noch ungeborene Kind seine biologischen Anlagen, um Sprache erwerben und anwenden zu können. Nach der Geburt kommt die sprachliche Zuwendung der Eltern, Geschwister, Verwandten und anderer Menschen dazu. Der Spracherwerb beginnt lange bevor das Kind selber sprechen kann.
- die Kontrolle über Bewegungen vor allem der Körperteile, die für das Sprechen zuständig sind (z. B. Lippen und Zunge)
- eine exakte Sinneswahrnehmung der von außen auf das Kind einströmenden Reize wie Gehörtes und Gesehenes, aber auch solcher Sinnesreize, wie z. B. »Spüren«, die Informationen über die Lage einzelner Körperteile geben
- psychische Fähigkeiten, die die Verarbeitung von Informationen betreffen oder Voraussetzung dafür sind, wie z. B. Konzentration und Aufmerksamkeit
- eine soziale Atmosphäre, in der das Kind sich angenommen fühlt und sprachliche Anregungen bekommt
Welche sprachlichen Fähigkeiten erwirbt das Kind?
Entwicklung der Aussprache
In den ersten Lebensmonaten experimentiert der Säugling mit seiner
Stimme. Er produziert zahlreiche Geräusche und macht auf diese Weise
erste Erfahrungen mit Sprachlauten und den dafür erforderlichen
Sprechbewegungen, auch wenn diese Laute noch nicht mit festen
Bedeutungen verbunden sind. So erwirbt er allmählich die willentliche
Kontrolle über die für das Sprechen notwendigen Bewegungen. Mit
zunehmendem Lebensalter vergleicht es die gehörten Sprachlaute aus
seiner Umgebung mit seinen eigenen und passt diese entsprechend an.
Selbst gehörlose Säuglinge durchlaufen die erste sogenannte
Lallphase. Sie verstummen erst dann, wenn es um den Vergleich mit den
sie umgebenden Sprachlauten und deren Nachahmung geht. Bei dem hier
beschriebenen Aspekt des Spracherwerbs handelt es sich um die
Aussprache. Dazu gehört, dass das Kind alle in seiner Muttersprache
vorhandenen Laute bilden und sie entsprechend den Regeln des
jeweiligen Sprachsystems anwenden lernt.
Entwicklung des Wortschatzes
Nach und nach formt das Kind Sprachlaute dahingehend, dass
erkennbare Worte entstehen. Damit gehen andere wichtige
Erkenntnisprozesse einher. Zum einen ist es die Tatsache, dass Gegenstände
auch dann noch existieren, wenn sie für das Kind nicht greifbar
vorhanden sind. Dies zeigt sich beispielsweise darin, dass ein
Kind einen Spielgegenstand sucht, obwohl er nicht in seinem Blickfeld
ist. Zum anderen sind es die vielfältigen konkreten, von seinem
Umfeld sprachlich begleiteten Erfahrungen mit sich selbst, mit Dingen
und Handlungen, die ihm die Bedeutung der Worte vermitteln. Allmählich
verbindet sich dieses Wissen mit sprachlichen Erkenntnissen: Ein Wort
wird zum Stellvertreter für den realen Gegenstand, eine Tätigkeit
oder für Gefühle. Später kommen komplexere Wörter hinzu, die
abstraktere Inhalte und grammatische Bezüge ausdrücken. Auch die
Erwerbsstrategie ändert sich mit dem Lebensalter. Das Kind wird
zunehmend unabhängiger von der konkreten Anschauung. Der Wortschatz
des Kindes entwickelt sich. Dabei zeigt sich, dass der passive
Wortschatz, also der Wortschatz des »Sprache-Verstehens«, stets
deutlich größer ist als der aktive Wortschatz des »Sich-Ausdrücken-Könnens«.
Entwicklung der Grammatik
Eng verbunden mit der Entwicklung des Wortschatzes ist der Aufbau
von Sätzen. Vorläufer davon stellen bereits die Doppelungen
derselben Wörter und die ersten Kombinationen verschiedener Wörter
beim Übergang von der Einwort- zur Zweiwortphase dar. So kann
beispielsweise die Äußerung »Mami Tasse!« abhängig von der
Situation verschiedenes Bedeuten: Vielleicht möchte das Kind den
Wunsch nach einer Tasse übermitteln, möglicherweise will es
lediglich feststellen, dass die Mutter eine Tasse hat.
Dies Beispiel verdeutlicht, dass das Kind mehr
sagen möchte, als ihm an sprachlichen Mitteln zur Verfügung steht.
Die Bedeutung seiner Äußerung zu verstehen und angemessen zu übersetzen
und zu erweitern, ist Aufgabe seines sozialen Umfeldes. Im Laufe
seiner Sprachentwicklung hat das Kind ein komplexes Regelsystem »zu
knacken«. Es lernt zum Beispiel die Regeln der Wortstellung, wobei
die Stellung des Tätigkeitswortes zunächst herausragend ist. Des
weiteren ist es die Veränderung einzelner Wörter, die innerhalb
eines Satzes aufeinander abgestimmt sind. So ist die Endung des Tätigkeitswortes
abhängig vom Hauptwort: Ich gehe - du gehst. Das Kind erwirbt also
das grammatische Regelsystem unserer Sprache.
Entwicklung der Kommunikation
Lange bevor der heranwachsende kleine Mensch ein Gespräch führen
kann, werden ihm grundlegende Anreize dazu vermittelt. Bei der
genaueren Betrachtung früher Unterhaltungen mit Säuglingen
wurde festgestellt, dass Sprechende zwischen ihren Äußerungen eine
kleine Pause einhalten. Diese Pausen signalisieren, dass eigentlich an
dieser Stelle eine Antwort erwartet wird. Mit den zunehmenden
sprachlichen Fähigkeiten füllt das Kind diese Lücken tatsächlich
aus. Natürlich unterscheiden sich Gespräche mit Kindern von denen
mit anderen Gesprächspartnerinnen und -partnern. Dennoch: das »Sich-Mitteilen
und Sich-Austauschen mit anderen« und später das Erzählen von
Erlebtem etc. geschieht von Beginn an in altersgemäßer Weise. Dieser
Bereich des Spracherwerbs umfasst die gesamte Anwendung der
sprachlichen und nicht-sprachlichen Kenntnisse (Mimik und Gestik),
also die Kommunikation.
Entwicklung des Sprachverständnisses
Das Verstehen von Sprache entwickelt sich in demselben Rahmen wie
die anderen sprachlichen Bereiche auch. Zeitlich geht es der Fähigkeit,
Sprache anzuwenden voraus, d.h. das Kind versteht uns, bevor es sich
selber äußern kann. Lange Zeit ist diese Verständnis jedoch eng an
die Jeweilige Situation gebunden. Ein echtes Sprachverständnis
entwickelt sich schrittweise, bis es sich von der konkreten Situation
löst.
Entwicklung des Redeflusses
Die Planung und Ausführung von mündlichen Äußerungen stellen
eine hohe Anforderung an das Kind dar. So verwundert es nicht, dass
damit häufig Satzabbrüche, Umformulierungen, Wortwiederholungen und
kleine Denkpausen einhergehen. Sie bewirken, dass das Sprechen des
Kindes unflüssig klingt. Außerdem muss
die Feinabstimmung der Muskelbewegungen, die für das Reden notwendig
sind, sich erst entwickeln und reifen. Dies ist eng verbunden mit den
hier geschilderten sprachlichen Entwicklungsbereichen und solchen, die
für die Bewegungskontrolle zuständig sind. Der Redefluss unterliegt
also ebenfalls einem längeren Entwicklungsprozess.
Entwicklung des Sprachgefühls
Nicht zuletzt lernt das Kind während seiner Sprachentwicklung quasi »nebenbei« etwas, was nichts mit einzelnen Lauten, Wörtern oder grammatischen Strukturen zu tun hat, aber dennoch die Verständlichkeit unserer Lautsprache beeinflusst: Betonungen, Pausen, Sprechrhythmus, Tonhöhen und -tiefen etc. Denken Sie nur einmal daran, dass der Anstieg einer Tonhöhe am Ende des Satzes eine Frage anzeigt. Man könnte dies alles mit Sprachgefühl bezeichnen.
Sie haben nun eine Vorstellung davon bekommen, welches enorme Lernpensum das Kind während seiner Sprachentwicklung zu bewältigen hat. Auch wenn diese Bereiche zum besseren Verständnis hier getrennt vorgestellt wurden, heißt dies nicht, dass das Kind sie nacheinander erwirbt. Vielmehr ist es so, dass sie sich gegenseitig bedingen. Denken Sie noch einmal daran, dass auch grammatische Regeln wie z. B. Einzahl- und Mehrzahlbildung mit einem Bedeutungsunterschied einhergehen, der in den Wortschatz eingreift. Auch müssen beispielsweise die Voraussetzungen der Aussprache von grammatikalischen Endungen (Beispiel: du singst) bei Tätigkeitswörtern gegeben sein.
Quelle:
Informationsbroschüren der Deutschen Gesellschaft für Sprachheilpädagogik,
Nr. 3 Störungen des Spracherwerbs/Nr. 4 Förderung des Spracherwerbs (Autorin: Angelika Schindler)
Entwicklung der Sprache nach dem sensomotorischen Entwicklungsgitter von Dr. Ernst J. Kiphard
Die Alterswerte gelten für Spätentwickler, d.h. 90% der Kinder erfüllen diese Aufgaben.
6 Monate:
- Saugt, schluckt, weint
- Andere Laute als Weinen
- Laute: cha, grr, öh, erre
- Kichert, lacht, quietscht
- Schließt Mund, schluckt Speichel
- Antwortet durch Laute
1 Jahr:
- Leckt Breilöffel gut ab
- Trinkt von gehaltener Tasse
- Spuckt mit Zungenspitze
- Äußert Stimmungslaute
- Ahmt Laute nach
- Lallt 4 verschiedene Silben
1 Jahr 6 Monate:
- Kaut mühelos feste Nahrung
- Laute als Wunschäußerung
- Laute: a, o, u, m, b, p
- Sagt 2 sinnvolle Worte
- Ahmt 2 Tierlaute nach
- Ahmt 2 Worte nach
2 Jahre:
- Einwortsatz als Wunsch
- Laute: n, l, d, t, w, f
- Verwendet 5 Worte
- Benennt 3 Personen
- Benennt 4 Dinge
- Benennt 2 Tätigkeiten
2 Jahre 6 Monate:
- Verwendet 10 Worte
- Nennt sich beim Vornamen
- Sagt: da, weg, bitte, danke
- Benennt 2 Eigenschaften
- Spricht Zweiwortsatz
- Verwendet der, die, das
3 Jahre:
- Sagt: noch, wieder, viel
- Wiederholt Viersilbensatz
- Fragt: was'n das?
- Spricht Dreiwortsatz
- Spricht mit Puppe, Teddy
- Laute: r, s, sch, x, z
3 Jahre 6 Monate:
- Sagt: ich, du, mein, dein
- Verwendet Mehrzahl
- Benennt Tätigkeit im Bild
- Nennt 5 Tiere
- Berichtet spontan Erlebnis
- Verwendet Vergangenheit
4 Jahre:
- Laute: ch/ch, ng, nt, schp, fr
- Erklärt, was es spielt
- Wiederholt Kurzgeschichte
- Gebraucht Nebensätze
- Fragt: wer, wo, wann, warum
- Nennt 2 Gegensätze
4 Jahre 6 Monate:
- Wiederholt 5-Wortsatz
- Sagt, was es heute tat
- Beantwortet 3 Zweckfragen
5 Jahre:
- Benennt 3 Farben
- Spricht 4 Zahlen nach
- Spricht 5-Wortsätze
5 Jahre 6 Monate:
- Sagt, was es morgen vorhat
- Fragt nach Wortbedeutung
- Nennt 2 Analogien
6 Jahre:
- Beschreibt Bildszene
- Beantwortet 3 Wenn-dann-Fragen
- Zählt 10 Dinge ab
6 Jahre 6 Monate:
- Nennt 3 Oberbegriffe
- Nennt Material: Schuh, Tür
- Definiert 2 Unterschiede
7 Jahre:
- Satz aus 3 Stichworten
- Erklärt: Vorhang, Hecke, See
- Nennt 3 Hausbaumaterialien
7 Jahre 6 Monate:
- Erzählt Selbsterfundenes
- Gebraucht Ausreden
- Erklärt Ähnlichkeiten
Bitte beachten Sie, dass die Sprachentwicklung nicht isoliert von der übrigen Entwicklung wie z.B. der Entwicklung der motorischen Fähigkeiten gesehen werden sollte! Insbesondere in der frühen Kindheit steht die allgemeine körperliche und geistige Entwicklung in sehr engem Zusammenhang mit der Sprachentwicklung. Im Laufe seiner Entwicklung und mit den zunehmenden Fähigkeiten des Kindes, seinen Körper kontrolliert einzusetzen, weitet es selber die Auseinandersetzung aktiv auf die es umgebenden Dinge aus. Es beschäftigt sich mit ihnen, lernt seine Beschaffenheit kennen und die Möglichkeiten, sie einzusetzen und sie zu verändern. Seine soziale Umwelt hilft ihm sowohl bei der Beschäftigung mit diesen Dingen als auch dabei, die gesammelten Erfahrungen in Worte umzusetzen. Fördern Sie ihr Kind dabei.
Informationen zum Thema Förderung der Sprachentwicklung
Richtiges Sprechen muss wie viele andere Fähigkeiten im
Kindesalter erlernt werden. Auch hier gilt das Sprichwort Ȇbung
macht den Meister«. Ein Kind lernt schneller richtig sprechen, wenn
es viel Gelegenheit bekommt, seine Sprache zu üben. Dazu ist als
erste Voraussetzung wichtig, dass es trotz seiner Sprachstörung
Freude am Sprechen hat! Sie wissen selbst: Man lernt leichter, wenn
man an einer Sache Spaß hat. Folgende Hinweise sollen Ihnen
aufzeichnen, wie Sie trotz der Sprachstörung die Sprechfreude Ihres
Kindes erhalten oder wecken können und wie Sie seine
Sprachentwicklung fördern können.
Sind Sie ein guter Zuhörer?
Es ist bekannt, dass man viel lieber und auch viel mehr spricht,
wenn man einen guten Zuhörer hat. Nehmen Sie sich also Zeit, Ihrem
Kinde zuzuhören. Lassen Sie es ausreden, ohne ungeduldig zu werden.
Achten Sie darauf, was das Kind Ihnen erzählen will, nicht auf seine
ja noch fehlerhafte Aussprache. Am Anfang wird Ihnen das schwer
fallen, weil Sie sich vielleicht über sein falsches Sprechen ärgern.
Mit der Zeit werden Sie aber lernen, dies weitgehend zu überhören
und nur auf den Inhalt dessen zu achten, was das Kind Ihnen erzählen
will. Sie können Ihrem Kind aber auch behilflich sein, das richtige
Sprechen zu erlernen.
Wie können Sie beim Sprechen lernen helfen?
Freuen Sie sich mit Ihrem Kind, wenn es versucht, Sie nachzuahmen
und etwas richtig zu sagen. Gelingt es dem Kind noch nicht, alle Worte
richtig zu sprechen, so können Sie die noch fehlerhaften Worte in
einem Satzzusammenhang richtig und deutlich wiederholen, z. B. Kind:
»Bume haben«, Mutter: »Ja, wir wollen eine Blume holen«. Weisen
Sie Ihr Kind aber nicht auf Fehler in seiner Aussprache oder im
Satzbau hin und verbessern Sie es nicht, wie z. B. »Das heißt nicht
Bume sondern Blume!«
Sind Sie ein gutes Sprachvorbild?
Kinder lernen vieles durch Nachahmung; auch bei der Entwicklung der
Sprache spielt die Nachahmung eine große Rolle. Seien Sie deshalb ein
gutes sprachliches Vorbild für Ihr Kind. Achten Sie darauf, dass Sie
selber alle Wörter klar und deutlich aussprechen. Ihr Kind kann Sie
dann besser verstehen und leichter nachahmen. Verwenden Sie häufig
gebrauchte Wörter und sprechen Sie in einfachen aber vollständigen
und richtigen Sätzen. Sprechen sie vor allem nicht zu schnell. Wenn
Sie Ihr Kind mit einem Redeschwall überfallen, kann es die einzelnen
Wörter nicht heraushören. Es besteht die Gefahr, dass es sich angewöhnt,
nicht mehr hinzuhören, wenn Sie reden. Sprechen Sie nicht zu viel
aber auch nicht zu wenig. Die richtige Dosierung ist wichtig!
Besonders leicht wird Ihnen die richtige Dosierung gelingen, wenn im
Gespräch Sprechen und Zuhören wechseln.
Führen Sie regelmäßig einmal am Tag ein Gespräch mit Ihrem Kind?
Es ist erwiesen, dass viel Fernsehen bei Kindern mit
Sprachentwicklungsstörungen die Sprachentwicklung nicht fördert.
Die Gründe:
Das Kind spricht beim Fernsehen nicht selbst und übt daher seine
Sprache nicht. Es versteht viele Begriffe noch nicht und gewöhnt sich
daher schnell daran, sich berieseln zu lassen und nicht mehr zuzuhören,
was gesagt wird und sich nur die Bilder anzusehen. Es ist erwiesen,
dass, wenn sich Mutter, Vater oder eine andere erwachsene Person nur
etwa eine halbe Stunde pro Tag regelmäßig Zeit für ein Gespräch
mit dem Kind allein nehmen, die Sprachentwicklung entscheidend gefördert
wird. Versuchen Sie, es so einzurichten, dass Sie in dieser Zeit mit
dem Kind allein sind und ihm Ihre volle Aufmerksamkeit widmen können
und dass Sie nicht z. B. durch jüngere Geschwister abgelenkt werden.
Am besten nutzen Sie die Zeit, wenn Sie gemeinsam ein altersgemäßes
Bilderbuch, das Ihnen beiden gefällt, ansehen (evtl. in einer Bücherei
ausleihen) und sich gegenseitig erzählen, was Sie auf den Bildern
sehen und was die Personen oder Tiere tun. Beachten Sie dabei immer
die Regel 1., 2. und 3. über gutes Zuhören, richtiges Korrigieren
und gutes Sprachvorbild! Nach einiger Zeit werden Sie diese Gesprächsstunden
mit Ihrem Kind nicht mehr missen wollen, sie fördern sehr die gute
Beziehung zwischen Eltern und Kind. Zusätzlich außerhalb der
gemeinsamen täglichen Gesprächszeit sollten Sie daran denken,
manchmal mehr zu sprechen als Sie es sonst wohl täten, denn Ihr
sprachgestörtes Kind muss viele Wörter und Sätze mehrmals hören,
ehe es sie behalten kann.
Bei jüngeren Kindern:
Sprechen Sie zu den Tätigkeiten, die Sie im Haushalt oder beim
Werken und Basteln ausführen. Beim Baden benennen Sie seine Körperteile,
beim Ausziehen die Kleidungsstücke, beim Spülen und Aufräumen die
Sachen, die Sie gerade in der Hand haben. Und spielen
Sie viel mit Ihrem Kind.
Bei älteren Kindern:
Machen Sie Spaziergänge und erzählen sie sich gegenseitig, was
Sie sehen. Spiele machen die ganze Sache
abwechslungsreicher, z. B. »Ich sehe was, was du nicht siehst«.
Unternehmen Sie gemeinsam Ausflüge, Z. B. zum Zoo, zu einem See.
Sprechen Sie vorher darüber, was Sie sehen und erleben werden. Wenn
Sie an Ihrem Ausflugsort sind, sagen Sie, was Sie sehen und was Sie
tun. Später zu Hause erinnern Sie sich gemeinsam daran, was Sie
gesehen und erlebt haben. Vielleicht haben Sie auch Fotos gemacht, zu
denen dann erzählt werden kann. Wenn Ihnen dies zu viel erscheint,
bedenken Sie, dass die meisten sprachgestörten Kinder ein schlechtes
Sprachgedächtnis haben (nicht Gedächtnis für Ereignisse!) und daher
die Wörter und Sätze öfter üben müssen, ehe sie sie behalten.
Wie können Sie das Sprachgedächtnis fördern?
Das schlechte Sprachgedächtnis können Sie entscheidend
verbessern, indem Sie mit Ihrem Kind Reime, Gedichte, Sprachspiele
und Lieder auswendig lernen und gemeinsam sprechen oder singen. Der
Rhythmus der Reime und die Melodie der Lieder unterstützen und fördern
das Gedächtnis für Sprache. Lassen Sie sich von der Erzieherin im
Kindergarten die Texte der Reime und Lieder geben, die gerade gelernt
werden, und üben Sie diese zu Hause. Bei längeren Autofahrten kann
man auch gut gemeinsam singen.
Wie können Sie die Geschicklichkeit Ihres Kindes und seine Sinnesleistungen fördern?
Viele sprachgestörte Kinder sind sehr ungeschickt. Machen Sie
deshalb Ballspiele, gehen Sie zum Kinderturnen und Schwimmen. Es ist
auch nachgewiesen, dass sich die Geschicklichkeit der Hände auf eine
bessere Aussprache auswirkt. Also lassen Sie Ihr Kind malen, kneten,
ausschneiden, Perlen auffädeln, mit Knöpfen spielen und vieles tun,
was eine gewisse Fingergeschicklichkeit erfordert. Die
Geschicklichkeit der Mundbewegungen muss häufig auch gefördert
werden. Achten Sie darauf, dass Ihr Kind feste Speisen isst und
ordentlich kaut. Geben Sie ihm rohe Äpfel oder rohe Möhren zum
Knabbern, auch - bei entsprechendem Alter - Kaugummi. Lassen Sie es
seine Getränke mit dem Strohhalm trinken. Machen Sie viele
Pustespiele mit Watte, Seifenblasen oder Pfeifen, die sich
aufrollen. Viele Kinder sind auch extrem unaufmerksam gegenüber dem,
was sie in ihrer Umgebung hören und sprechen deshalb falsch. Machen
Sie daher mit Ihrem Kind Hörübungen der folgenden Art: Seien Sie
still und lauschen Sie, welche Geräusche Sie in Ihrer Umgebung hören.
Zählen Sie sie auf und erklären Sie sie gemeinsam. Umgebung: Im
Wald, auf einem Bauernhof, bei Bekannten. Sprechen Sie beim
Bilderansehen auch ab und zu mal ein Wort falsch aus und beobachten
Sie, ob Ihr Kind das merkt! Wenn nicht, machen Sie das Kind darauf
aufmerksam und spielen Sie dieses Spiel häufiger.
Sollte das nicht selbstverständlich sein?
Sorgen Sie für einen gleichmäßigen, ruhigen Tagesablauf, gesunde
Ernährung, viel Schlaf, viel Bewegung im Freien, ausreichend Zeit zum
ungestörten Spielen, wenig Fernsehen, möglichst keine Überforderungen.
Seien Sie selbst nicht hektisch und ungeduldig im Umgang mit Ihrem
Kind, sondern möglichst ruhig und ausgeglichen. Sorgen Sie dafür,
dass Ihr Kind sich nicht abkapselt, sondern mit anderen Kindern
spielt. Achten Sie darauf, dass es Kinder sind, die Ihr Kind nicht
wegen seiner Sprachstörung hänseln oder verspotten. Stärken Sie das
Selbstbewusstsein Ihres Kindes. Versuchen Sie herauszufinden, was Sie
an ihm loben können und tun sie das auch. Allgemein fördert der
Besuch des Kindergartens die Sprachentwicklung.
Zum Spielzeug:
Das Spiel mit Bauklötzen und Autos fördert
die Sprachentwicklung nicht besonders gut.
Besser sind Spiele mit Puppen, Stofftieren, Fingerpuppen und
Kasperfiguren, so dass beispielsweise mit verteilten Rollen gesprochen
werden kann.
Welche Auswirkungen haben Zweisprachigkeit und Dialektgebrauch?
Sprachlich gut begabte Kinder können bereits im Vorschulalter zwei Sprachen gleichzeitig lernen, sprachlich weniger begabte haben dagegen schon Mühe, nur eine Sprache richtig zu erlernen. Dies gilt auch für den Gebrauch einer Mundart (Dialekt). Plattdeutsch und Hochdeutsch unterscheiden sich beträchtlich voneinander, dass es sich fast um zwei verschiedene Sprachen handelt. Ein sprachlich retardiertes Kind Kind sollte erst nur eine Sprache erlernen, am besten Hochdeutsch, da das auch in der Schule gebraucht wird. Am besten ist es, wenn alle Familienmitglieder einschließlich Großeltern hochdeutsch sprechen. Es genügt nicht, wenn nur zum Kind hochdeutsch gesprochen wird, auch untereinander sollten die Erwachsenen möglichst vorwiegend hochdeutsch sprechen und zwar aus folgendem Grunde: Ein Kind erlernt die Sprache nicht nur aus dem, was zu ihm direkt gesprochen wird, sondern zu einem großen Teil auch durch Zuhören bei den Unterhaltungen der Erwachsenen.
Wenn Sie diese Hinweise beachten, wird Ihr Kind sicher bald Fortschritte in seiner Sprachentwicklung machen.
Informationen zum Thema Stimmstörungen
Bei Stimmstörungen wird grundsätzlich zwischen organischen Veränderungen
einerseits (d.h. Veränderungen der Gestalt und Beweglichkeit der
Stimmlippen) und den so genannten funktionellen Stimmstörungen
unterschieden, wobei beide Formen sich auch gegenseitig bedingen können.
Das Behandlungsziel einer logopädischen Stimmtherapie ist in jedem
Fall eine leistungs- und adaptionsfähige Stimmfunktion und eine
optimale Koordination und Beweglichkeit aller für das Sprechen
notwendigen Organe, d.h. der Atmungs-, Körper-, Phonationsmuskulatur
und des Bereiches oberhalb des Kehlkopfes (Ansatzrohr).
Eine HNO-ärztliche Untersuchung erfolgt zunächst meist mittels einer
Kehlkopfspiegelung (Lupenlaryngoskopie), bei welcher der Arzt
feststellen kann, ob organische Veränderungen im Kehlkopf und
insbesondere an den Stimmlippen vorliegen. Weitere bildgebende
Verfahren wie Stroboskopie und Ultraschall können indiziert sein.
Generell gelten bei Stimmstörungen folgende Regeln:
- kein Räuspern
- kein Husten
- kein Schreien
- kein Gebrauch der Flüster- oder Hauchstimme
- möglichst wenig sprechen
- kein Tabakgenuss
- kein Alkoholgenuss
Aphonie
Eine Aphonie beruht meist auf länger andauernden psychischen Problemen (psychogene Aphonie) und ist in der überwiegenden Anzahl des Auftretens ein eher weibliches Phänomen. Dabei ist die Stimme nur beim mitteilenden Sprechen völlig tonlos und flüsternd, während die übrigen (reflektorischen) Stimmäußerungen wie Weinen, Lachen, Husten u.ä. keine stimmliche Auffälligkeit zeigen. Die Stimme als solche ist insofern völlig intakt.
Die Behandlung erfolgt durch
- Stimmgebungsübungen wie tönendes Husten, Summen etc.
- Atemübungen
- Entspannungsübungen
- psychologische bzw. verhaltenstherapeutische Unterstützung
Bereits nach den ersten Sitzungen sollten sich bei professioneller
Therapiedurchführung Erfolge zeigen.
Hyperfunktionelle Dysphonie
Eine hyperfunktionelle Dysphonie, auch Berufsdysphonie genannt, kann entstehen infolge
- unökonomischen Stimmgebrauchs
- stimmbelastender Arbeit
z.B. bei LehrerInnen, ErzieherInnen, TrainerInnen, Call-Center-AgentInnen usw. - organischer Störungen
wie z.B. Entzündungen der Luftwege, Stimmlippenknötchen, Kehlkopfpapillome, Stimmlippenpolypen, Stimmlippenlähmung oder Reinke-Ödem - psychischer Faktoren
wie Stress, Schmerzen usw.
Symptomatisch für hyperfunktionelle Dysphonien sind
- subjektive Symptome
in Form von Schmerzen im Kehlkopfbereich, Trockenheit, Räusperzwang - akustische Symptome
wie z.B. eine heisere, gepresste, raue Stimme, Ermüdungserscheinungen, Intensitätsschwäche - klinische Symptome
z.B. gefüllte Halsvenen beim Sprechen, abnorme Verspannungen und Kontraktionen der äußere Kehlkopfmuskulatur - laryngoskopische Symptome
wie z.B. intensives Aneinanderpressen der Stimmlippen bei der Stimmbildung, Rötung und Schwellung der Stimmlippen, verlängerte Schließungsphase der Stimmlippen
Die Behandlung erfolgt durch
- Änderung der Lebensgewohnheiten (Arbeitsplatz, Familiensituation, Stress etc.)
- ggf. chirurgische Behandlung
z.B. Abtragen von Stimmlippenknötchen - logopädische Stimmtherapie mit Entspannungsübungen, Atemübungen und dem Erlernen eines ökonomischen Stimmeinsatzes
Taschenfaltenstimme
Bei stärkster muskulärer Hyperfunktionalität ist die Ausbildung der so genannten Taschenfaltenstimme möglich, bei der nicht die Stimmlippen überspannt werden (wie bei der hyperfunktionelle Dysphonie), sondern ein Zusammenziehen des gesamten Kehlkopfeingangs erfolgt. Die Stimmgebung erfolgt dann nicht mehr über die Stimmlippen selbst sondern über die seitlich oberhalb der Stimmlippen liegenden Schleimhautfalten (Taschenfalten), welche statt der Stimmlippen in Schwingung gebracht werden. Die dabei produzierte Stimme erfordert einen großen Kraftaufwand, klingt tief, gepresst, rau und heiser und fällt durch den geringen Stimmumfang auf.
Bei nicht funktionsfähigen Stimmlippen z.B. nach operativen
Eingriffen wie z.B. dem Entfernung einer Stimmlippe kann der Einsatz
der Taschenfaltenstimme durchaus erwünscht sein und logopädisch
trainiert werden.
Hypofunktionelle Dysphonie
Im allgemeinen entsteht eine hypofunktionelle Dysphonie mit fehlendem Schluss der Stimmritze infolge
- einer angeborenen Muskelschwäche
- einer körperlich bedingten Allgemeinschwächung des Organismus
- als Sekundärsymptomatik einer unbehandelten hyperfunktionelle Dysphonie
- einer extremen Abmagerungskur
Charakteristisch erscheinen dabei
- subjektive Symptome wie
Müdigkeit, geschwächte Intensität - akustische Symptome
(luftvoll, klanglos, schwach, rau) - klinische Symptome
in Form von schlaffer Haltung und schlechter Artikulation - laryngoskopische Symptome
(mangelhafter Verschlussmechanismus der Stimmlippen)
Die Behandlung erfolgt durch
- Verbesserung des körperlichen Allgemeinzustands
- Atemübungen
- Stimmübungen
Die intensive Mitarbeit und Motivation des Patienten in Richtung
einer Verbesserung der Stimme ist dabei unabdingbar.
Stimmstörungen infolge von Lähmungen der Kehlkopfnerven
Die Muskeln des Kehlkopfes werden durch den 10. Hirnnerv (Nervus
vagus) gesteuert. Infolge Quetschung, Zerrung, Durchtrennung, Neuritis
oder Neuralgie kommt es zu Ausfallerscheinungen.
Die isolierte oder beidseitige Schädigung des Nervus recurrens, eines
abgehenden Astes des Nervus vagus, kann beispielsweise durch
- Bronchial-Karzinome
- Speiseröhren-Karzinome
- Operationen an der Speiseröhre
- scharfe oder stumpfe Halsverletzungen
- infektiös-toxisch
bedingt sein.
Durch die Nervenschädigung können die davon betroffenen Muskeln ihre Aufgabe nicht mehr wahrnehmen. Im Falle einer Schädigung des N. recurrens ist eine Stimmlippe (oder möglicherweise beide) in ihrer Stellung fixiert und kann nicht mehr in den für die Stimmgebung erforderlichen Kontakt zur anderen Stimmlippe treten, da die entsprechenden Kehlkopfmuskeln nicht mehr innerviert werden.
Die Stellung der Stimmlippen kann folgendermaßen unterschieden werden:
- Median- oder Phonationsstellung
(die physiologische Stellung bei der Stimmgebung) - Paramedianstellung
(die Stimmlippe kommt nicht komplett in die physiologische Stellung bei der Stimmgebung) - Intermediärstellung
(die Stimmlippe ist in der Mitte zwischen Atmungs- und Phonationsstellung fixiert) - Lateral- oder Respirationsstellung
(die physiologische Stellung bei der Atmung)
Die Symptomatik
kann dieselbe sein wie bei einer Dysphonie.
Je nachdem, ob nur eine oder beide Stimmlippen betroffen sind und in
welcher Stellung sie fixiert ist bzw. sind, zeigt sich eine
unterschiedliche Symptomatik von »kaum auffällig/leicht heiser« bis
»vollständige Stimmlosigkeit«. Liegt eine beidseitige
Paramedianstellung vor (d.h. gehen beide Stimmlippen nicht mehr in die
Atmungsstellung), kann es zu Atemnot und Erstickungsgefahr kommen, so
dass eine Tracheotomie (Luftröhrenschnitt) und der Einsatz einer
Sprechkanüle erforderlich wird.
Behandlung:
Je nach Beeinträchtigung besteht die Therapie aus
- einer operativen Behandlung
Injektion von Kunststoffen (z.B. Teflon) oder Knorpelimplantat - ggf. Sicherstellung der Atmungsfunktion
durch einen Luftröhrenschnitt (Tracheotomie) und Einsatz einer Sprechkanüle - logopädischer Stimmtherapie
Mutationsstörungen
Mutationsstörungen beruhen auf einem gestörten Zusammenspiel der Kehlkopfmuskeln in der Zeit des Übergangs von der Kinder- zur Erwachsenenstimme mit etwa 12 bis 14 Jahren (im Volksmund »Stimmbruch« genannt). Dabei sinkt die mittlere Sprechstimmlage bei Jungen um etwa 8 Töne (eine Oktave), bei Mädchen etwa um 3 Töne (eine Terz). Obwohl beide Geschlechter diesen Übergang mitmachen, ist er besonders bei den Jungen deutlicher zu beobachten. Beim Sprechen kommt es dann häufig zu den so genannten Registersprüngen, d.h. die Stimme »kickst« und schwankt zwischen der Kinder- und Erwachsenenstimme hin und her. Von einer Mutationsstörung im Sinne einer Stimmstörung spricht man erst dann, wenn dieser Übergang zu lange andauert bzw. wenn die Mutationsphänomene noch bei (jugendlichen) Erwachsenen zu beobachten sind.
Symptomatisch sind dabei
- das plötzliche Umkippen der Stimme nach oben und unten
- die sehr häufig auftretende Diplophonie (Doppelklänge).
Die Behandlung erfolgt durch
- Atemübungen und
- Stimmübungen
- evtl. Psychotherapie
bis die Stimme stabil geworden ist.
Der Patient sollte lernen, seine »neue« Stimme zu akzeptieren und
in allen Situationen anzuwenden. Eventuell ist bei einer
entsprechenden psychischen Disposition (z.B. bei Problemen mit der
kulturellen Herkunft oder der eigenen sexuellen Orientierung) auch
eine Psychotherapie erforderlich.
Spastische Dysphonie
Die spastische Dysphonie, auch als »Stimmstottern« oder »spasmodische Dysphonie« bezeichnet, ist selten und kommt gleichermaßen bei beiden Geschlechtern vor. Sie ist Resultat jahr(zehnt)elanger schwerer psychischer Belastung. Sie gilt als Form der Neurose und wird aus psychogener u./o. neurologischer Sicht diagnostiziert. Dabei unterscheidet man
- den so genannten Adduktionstyp
mit mühsam gepresster, angestrengter, angespannter und staccatoähnlicher Stimmgebung - den so genannten Abduktionstyp
mit weicher Stimme und Einschränkung der Stimmintensität und des Stimmumfanges.
Der Stimmklang ist verhaucht und zum Teil aphon (stimmlos)
Beim Lachen, Weinen oder Singen zeigen sich keine Probleme.
Behandlung:
Die Therapie erfolgt im allgemeinen auf psychologischer,
somatischer und psychosomatischer Basis sowie logopädisch-pädagogischer
Behandlung mit Entspannungsübungen, Atemübungen, Artikulationsübungen
und Stimmübungen. Daneben stehen folgende Optionen zur Verfügung:
- chirurgischer Eingriff mit einseitiger Durchtrennung des Nervus Recurrens
- Einspritzung von Botulinum-Toxin
Altersstimme
Sie wird auch Greisenstimme genannt, wobei zwischen der Altersstimme (Vox senium) und der vorzeitig gealterten Stimme (Senium praecox vocis) unterschieden wird.
Die Altersstimme zeichnet sich durch die folgenden Merkmale aus:
- Verlust der Bruststimme durch Atrophie (Verkümmern) der Muskulatur (M. vocalis)
- Abnahme der Stimmstärke durch Nachlassen der Lungenkräfte
- Beeinträchtigung der Resonanz durch Elastizitätsverlust und Verknöcherung im Kehlkopf
- Beeinträchtigung von Stimmqualität und Stimmtimbre
- Abnahme des Stimmumfangs, wobei die untere Stimmgrenze sich beim Mann um eine Quart bis Quint, bei der Frau um eine Terz bis Quart anhebt
Als symptomatisch gilt dabei
- die durch den herabgesetzten Spannungszustand der Stimmlippen hervorgerufene doppelt konkave und damit nicht physiologisch schließende Stimmritze
- die häufig pathologischen Stimmlippenbewegungen, welche auf Fehlsteuerungen der Nerven bei der Lautbildung hinweisen
- eine häufig auftretende »Stimm-Müdigkeit«
- Heiserkeit
Die therapeutische Behandlung geschieht durch
- Atemübungen
- Artikulationsübungen
- Stimmübungen zur verbesserten Koordination zwischen Atmung und Lautbildung
- ggf. ärztliche Mitbehandlung falls Lungenerkrankungen vorliegen
Reinke-Ödem
Als eine Sonderform einer chronischen Laryngitis (Kehlkopfentzündung) ist das Reinke-Ödem anzusehen, bei dem an bestimmten Stellen meist beider Stimmlippen Wassereinlagerungen zwischen Schleimhaut und Bindegewebe zu beobachten sind. Die Stimmlippen sind an den entsprechenden Stellen verdickt, so dass kein korrekter Stimmlippenschluss bei der Stimmgebung vorliegt. Nikotingenuss, häufig in Verbindung mit Alkohol und dem Stresshormon Adrenalin führt nicht selten zu Einlagerungen von Wasser in die die Stimmlippenschleimhaut, insbesondere wenn der Schluckvorgang und die Stimmgebung unökonomisch und mit zu starkem Druck ausgeführt werden. Aufgrund übermäßiger Sprechanstrengung ist dabei eine Stimmstörung mit
- Heiserkeit
- rauem Stimmklang
- dunklem Stimmklang
- gesenkter Sprechstimmlage
obligatorisch. Gleichzeitig zeigen sich häufig Missempfindungen in Form von
- verstärktes Räuspern
- Verschleimung
- Kloßgefühl im Hals.
Zu den therapeutischen Maßnahmen gehören
- Stimmruhe
- Rauchverbot
- logopädischen Therapie
- Verbesserung der Stimmhygiene
- evtl. chirurgische Eingriffe
in Form von Oberflächenabtragung (Stimmlippen-Stripping)
Stimmlippenknötchen
Knötchen auf den Stimmlippen zählen zu den organischen Stimmstörungen und stellen eine Extremform der hyperfunktionellen Dysphonie dar. Stimmlippenknötchen entstehen durch mechanische Überbelastung der Stimmlippen. Bei zu starker Anspannung schwingen die Stimmlippen nicht mehr frei sondern schlagen aufgrund zu großen Drucks gegeneinander. An den Stellen der höchsten Belastung entstehen dabei zunächst zähe Schleimfäden, welche sich bei anhaltendem unphysiologischen Stimmgebrauch verhärten können. Dies kann schon im Säuglingsalter passieren. Durch lautes und übermäßiges Weinen und Schreien können sich bereits beim Kleinkind die so genannten »Schreiknötchen« bilden. Später zeigen sich »Schreiknötchen« z.B. häufig bei Kindern, die Mannschaftssportarten betreiben. Stimmüberlastung und Stimmfehlbelastung z.B. in Lärm- oder Sprechberufen, falsche Stimmtechnik mit zu hohem Druck und Kraftaufwand oder das Singen in falscher Stimmlage bzw. Stimmüberforderung bei Sängern können zur Knötchenbildung führen (»Sängerknötchen«).
Symptomatisch bei Stimmlippenknötchen sind
- Heiserkeit
- rauer Stimmklang
- Räusperzwang
- Fremdkörpergefühl
- Sprechanstrengung
Die therapeutischen Maßnahmen sind abhängig von der Konsistenz und Beschaffenheit der Knötchen:
Weiche Stimmlippenknötchen
können sich zurückbilden, wenn durch Stimmruhe und Stimmtherapie
(wie bei der Therapie hyperfunktioneller Stimmstörungen) eine Veränderung
in Richtung eines physiologischen und ökonomischen Umgangs mit der
Stimme erzielt wird.
Harte Stimmlippenknötchen
werden meist durch einen mikrolaryngoskopischen Eingriff chirurgisch
abgetragen. Stimmruhe vor und nach dieser Behandlung ist vorteilhaft.
Eine sich anschließende logopädische Stimmtherapie wie bei der
Therapie hyperfunktioneller Stimmstörungen ist zum Erwerb eines
physiologischen und ökonomischen Umgangs mit der Stimme und einer
besseren Stimmhygiene auch in diesen Fällen angebracht.
Stimmlippenpolypen
Stimmlippenpolypen sind die häufigsten gutartigen Stimmlippenveränderungen und treten meist nur auf einer Seite des Kehlkopfes auf und zeigen ein variables Bild betreffend Lokalisation, Form und Größe bzw. Ausdehnung. Häufig sitzen sie oft auf einem kleinen Stiel auf der Stimmlippenschleimhaut. Sie treten oft in Verbindung mit einer akuten Kehlkopfentzündung bei zusätzlicher bzw. gleichzeitiger unökonomischer Überforderung des Kehlkopfes auf (z.B. Schreien bei Sportveranstaltungen). Zigarettenrauch und/oder die Inhalation von Reizstoffen wie Industrieabgasen fördert die Entstehung.
Symptomatisch bei Stimmlippenpolypen sind
- Heiserkeit
- Druckgefühl
- Räusperzwang
- raue Stimme
Therapeutisch ist die Abtragung (Polypenresektion) unter direkter
Laryngoskopie indiziert. Um Karzinome auszuschließen, werden
pathologische Veränderungen meist mittels Biopsie untersucht. Zur
Wiederherstellung der Stimme und Ausschaltung der zugrunde liegenden
Ursachen ist eine postoperative logopädische Stimmtherapie
erforderlich, insbesondere, wenn die Fehlbelastung der Stimme zu einer
hyperfunktionellen Stimmstörung geführt hat.
Kontaktgranulom
Das Kontaktgranulom gehört ebenfalls zu den organischen Stimmstörungen. Dabei handelt es sich um eine Geschwulstbildung an den Stimmlippen. Es tritt nahezu ausschließlich bei Männern auf.
Symptome sind
- Heiserkeit
- Blut im Auswurf
- Schmerzen beim Schlucken
- Sprechanstrengung
- Missempfindungen wie Trockenheitsgefühl und Kratzen im Hals
- Verschleimung
- Laryngoskopische Symptome in Form kleiner Schleimhautdefekte, die sich später zu grauweißen, schüsselförmigen Vertiefungen mit Wulstbildung an den geröteten Rändern entwickeln.
Als Ursachen dieser organischen Veränderungen werden
- zu hohe stimmliche Belastung
- stimmliche Überbeanspruchung z.B. in Sprechberufen
- unökonomische und unphysiologische Stimmtechnik
- (evtl. angeborene) Muskelschwäche des Stimmlippenmuskels
- Entzündungen der Schleimhaut des Kehlkopfes durch aufsteigende bzw. zurückfließende Magensäure (Ösophagealer Reflux)
- psychogene Faktoren
angenommen.
Durch kompensatorische Hyperaktivität bei den o.g. Ursachen schlagen die Stimmlippen hart gegeneinander, so dass an diesen Stellen Schädigungen in Form von Schwellungen, später kleinen Schleimhautdefekten entstehen, welche durch ständige Überbeanspruchung in Kontaktgranulome übergehen können.
Bei der Behandlung von Kontaktgranulomen umfasst
- die Einhaltung von Stimmruhe
- eine logopädische Stimmtherapie
- ggf. eine psychologische Behandlung
- ggf. operative Maßnahmen
Nach einer logopädischen Stimmtherapie mit den Schwerpunkten Erwerb eines physiologischen und ökonomischen Umgangs mit der Stimme und bessere Stimmhygiene bildet sich ein Kontaktgranulom häufig zurück. Bei größeren Granulomen oder falls dies nicht der Fall ist, können Kontaktgranulome operativ abgetragen werden. Operative Maßnahme führen jedoch, insbesondere in Fällen ohne begleitende logopädische Stimmtherapie, häufig zu Rückfällen (Rezidiven).
Autor: Uwe Kurz
Quellen:
Wirth: Stimmstörungen, Deutscher Ärzte Verlag, Köln
Geier-Bruns: Skript zum Kurs »Die Akzentmethode«
Boenninghaus: Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Springer Verlag, Berlin,
Heidelberg
Informationen zum Thema Redeunflüssigkeiten bei Kindern
Was Sie wissen sollten:
Bei vielen Kindern im Vorschulalter (etwa zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr) treten im Rahmen der normalen Sprach- und Sprechentwicklung Redeunflüssigkeiten auf. Dabei handelt es sich zum Beispiel um das ein- oder mehrfache Wiederholen von Silben, Wörtern oder Satzteilen, um Dehnungen von Lauten oder Pausen. Für das Auftreten dieser entwicklungsbedingten Unflüssigkeiten gibt es zahlreiche unterschiedliche Erklärungsansätze. Folgende Beispiele seien genannt:
- die Reifung des zentralen Nervensystems, das für die Koordination der sehr komplizierten Bewegungsabläufe beim Sprechen notwendig ist, sei noch nicht abgeschlossen
- Denken und Sprechen sei noch nicht vollständig koordiniert, »das Denken laufe dem Sprechen davon«
- eine Phase gefühlsmäßiger Unsicherheit zu den Bezugspersonen, Schwierigkeiten in den Beziehungen zur Umwelt oder tieferliegende seelische Probleme lägen vor.
In den meisten Fällen klingen diese sprachlichen Unflüssigkeiten nach einer Durchgangsphase von alleine ab, wobei sich angemessene Verhaltensweisen der Umwelt meist günstig auswirken. Bei einigen Kindern entwickelt sich aus diesen Unflüssigkeiten jedoch ein beginnendes oder bleibendes Stottern. Bei einigen Kindern tritt auch erst nach vollendeter Sprachentwicklung plötzlich Stottern auf. Stottern kann sich durch die folgenden Kennzeichen ausdrücken:
- Wiederholung von Lauten, Silben oder Worten
- Stocken, Pressen oder Dehnen beim Sprechvorgang
- Abbrechen von Sätzen
- Anspannung beim Sprechen
- Mitbewegen von Gesichtspartien oder Körperteilen
- Atemstörungen
- Vermeiden von bestimmten Lauten, Wörtern oder Silben
Stottern kann auch je nach Gesprächspartner, Situation oder
Zeitpunkt unterschiedlich ausgeprägt beim Kind auftreten, auch die
jeweilige Befindlichkeit des Kindes, wie z. B. Erregung, Freude, Angst
oder Wut kann eine Rolle spielen. Redeunflüssigkeiten und Stottern können
nicht durch den Willen beeinflusst und auch nicht absichtlich erzeugt
werden. Die verbreitete Ansicht, das Kind müsse sich nur recht bemühen,
um fließend zu sprechen, ist grundlegend falsch. Aufgrund der
Vielzahl möglicher Ursachen, die das Stottern bedingen oder begünstigen
können (wie etwa psychische Hintergründe, allgemeine
Sprachentwicklungsauffälligkeiten, organische, anlagebedingte oder
umweltbedingte Ursachen), steht für die Behandlung des Stotterns
leider kein Patentrezept zur Verfügung. Es gibt jedoch zahlreiche
Therapieansätze, die auf das einzelne Kind zugeschnitten werden können.
Die Unterstützung der Therapie durch die Eltern und weitere wichtige
Bezugspersonen kann von großer Bedeutung sein.
Was Sie tun können:
Stärken Sie das Selbstvertrauen Ihres Kindes
indem Sie z. B. all die vielen Dinge beachten und loben, die Ihr Kind
schon kann und selbständig ausführt. Trauen Sie ihm Dinge zu, kleine
Rechte und Pflichten, ohne es zu überfordern. Jeder Mensch braucht
Zuwendung, Sicherheit und Geborgenheit, besonders die Kleinen und ganz
besonders in einer kritischen Phase.
Zeigen Sie Ihrem Kind, dass Sprechen Spaß macht
Je mehr sprachliche Anregungen Ihr Kind bekommt und je mehr es zum
Sprechen ermutigt wird, um so besser und begeisterter wird es seine
unvollkommene Sprechfähigkeit in unterschiedlichen Situationen üben:
Kasperltheater spielen, Puppenspiele, Singen, Rollen- und
Fingerspiele, rhythmisch-musikalische Spiele, Verse und Reime, Erzählen
und Nacherzählen.
Lenken Sie dabei Ihre Aufmerksamkeit auf die flüssigen Teile des
Sprechens, und beachten sie all das, was Ihr Kind sprachlich schon
ausdrücken kann.
Seien Sie ein gutes Sprachvorbild
Sprechen wird durch Nachahmung gelernt. Helfen Sie Ihrem Kind, indem
Sie sich selbst bemühen, langsam, ruhig und einfach zu sprechen ohne
gekünstelt, unnatürlich oder übertrieben zu wirken.
Achten Sie auf den Inhalt und nicht auf die Form der Botschaft
Lenken Sie in der Zeit der Redeunflüssigkeiten Ihres Kindes Ihre
Aufmerksamkeit ganz auf den Inhalt des Gesagten und nicht darauf, wie
es gesagt wird. Gehen Sie darauf ein, was Ihr Kind Ihnen mitteilen
will, aber korrigieren Sie Ihr Kind nicht, wenn es etwas falsch
ausspricht.
Versuchen Sie, möglichst viele »stotterfreie« Situationen zu
schaffen
Beobachten und notieren Sie, wie Ihr Kind auf bestimmte Personen,
Situationen und Ereignisse reagiert. Wann stottert es viel, wann
wenig, wann gar nicht? Versuchen Sie Situationen, in denen Ihr Kind häufiger
stottert, zu vermeiden. Führen Sie statt dessen möglichst viele
stotterfreie Situationen herbei, in denen Sie Ihr Kind loben und bekräftigen.
Das erhöht seine Sprechfreude und steigert die Zuversicht und das
Selbstvertrauen in die eigenen sprachlichen Leistungen.
Versuchen Sie, möglichst viele stressfreie Gesprächssituationen
zu schaffen
Wenn man andauernd beim Sprechen unterbrochen wird, unter Zeitdruck
steht (»Nun sag schon endlich.«) oder unter Konkurrenzdruck steht (»Dein
kleiner Bruder kann das schon viel besser sagen.«), entsteht Stress
beim Sprechen. Nehmen Sie sich deshalb Zeit für das Zuhören und
Sprechen.
Diese Regeln für Gespräche in der Familie sollten für alle
Familienmitglieder gelten:
- ausreden lassen
- zuhören
- aufeinander eingehen
- jeder ist mal an der Reihe
Beruhigen Sie Ihr Kind und sich
Wenn Ihr Kind äußert, dass es heute wieder nicht richtig sprechen könne
und darüber unglücklich ist, ermutigen und beruhigen Sie es indem
sie ihm erklären, dass so etwas jedem passieren kann, dass jeder mal
hängen bleibe, wenn man etwas ganz schnell sagen möchte, müde oder
aufgeregt ist.
Was Sie nicht tun sollten:
Weisen Sie nicht auf die Unflüssigkeiten oder das Stottern hin
Aus alledem, was Sie bisher über das Stottern erfahren haben, können
Sie sich bereits selbst vorstellen, das es zwecklos ist, das Kind zu
bestrafen, es zu ermahnen oder ihm Ratschläge zu erteilen. Sie
bewirken dadurch eher das Gegenteil. Weil dieser Punkt so wichtig ist,
soll nochmals ausdrücklich darauf hingewiesen werden, das alle Äußerungen
wie
- »Sprich langsam!«
- »Hol tief Luft!«
- »Überlege zuerst, was du sagen willst!«
- »Reiß dich zusammen!«
- »Sprich anständig!«
- »Gib dir doch mal mehr Mühe beim Sprechen!«
oder in ähnlicher Form Ihrem Kind in keiner Weise helfen sondern
seine Stottersymptomatik nur verstärken und sein Selbstwertgefühl
untergraben. Ebenso falsch wäre es, das gestotterte Wort wiederholen
zu lassen oder gar das Sprechen zu verbieten. Sie helfen Ihrem Kind
auch nicht, indem Sie das gestotterte Wort für Ihr Kind zu Ende
sprechen. Vermeiden Sie alles, was Ihr Kind auf seine Sprechprobleme
hinweist und seine Sprechfreude hemmt.
Setzen Sie Ihr Kind keinen hektischen Situationen aus
Eile, Hektik, Zeitdruck, Nervosität, Aufregung beeinflussen das
allgemeine Wohlbefinden Ihres Kindes und damit auch seine Sprechfähigkeit.
Vermeiden Sie nach Möglichkeit solche zusätzlichen Belastungen für
Ihr Kind in dieser sensiblen Entwicklungsphase.
Verlangen Sie keine sprachlichen Darbietungen oder Vorführungen
Wenn Ihr Kind von sich aus gerne Ihnen oder anderen Personen Reime,
Gedichte oder Zahlen vortragen möchte, dann lassen Sie es. Drängen
Sie Ihr Kind jedoch nicht zu solchen Vorträgen, auch wenn Sie wissen,
was es kann.
Keine Kreuzverhöre oder drängenden Fragen
Für Kinder haben Ereignisse oder Zeitabläufe eine andere Bedeutung
als für Erwachsene. Was dem Erwachsenen als wichtig und interessant
erscheint, ist für Kinder oft nicht erwähnenswert. Man kann Kinder
verunsichern und ihnen die Freude am sprechen nehmen, wenn man sie mit
Fragen bedrängt, die sie nicht beantworten können. Geben Sie dem
Kind die Möglichkeit zu erzählen, was es loswerden möchte.
Akzeptieren Sie es, wenn das Mitteilungsbedürfnis des Kindes Ihnen
unbefriedigend erscheint.
Geben sie Ihrem Kind keine Sonderstellung in der Familie nur weil
es stottert
So wie das unflüssig sprechende Kind nicht benachteiligt oder
bestraft werden darf, soll es andererseits auch nicht wegen seiner
Redeweise verwöhnt oder bevorzugt werden. Nehmen Sie deshalb Ihrem
Kind auch keine Arbeiten und Verrichtungen ab, die es selbst erledigen
könnte, das wäre falsche Rücksichtnahme. Nehmen Sie ihm ebenso
wenig sprachliche Tätigkeiten ab, die Ihr Kind selbst tun kann und möchte,
auch wenn es dabei stottert. Wenn Sie Ihr Kind für eine bestimmte
Handlung bestrafen müssen, lassen Sie sich nicht dadurch abhalten,
dass Ihr Kind in dieser Situation gestottert hat. Das Kind muss jedoch
klar wissen, dass es für eine bestimmte unerlaubte Handlung und nicht
für sein Stottern bestraft wird.
Was Sie bemerkt haben werden:
Fast alle hier ausgesprochenen Empfehlungen gelten nicht nur für
sprechunflüssige / stotternde Kinder, sondern sollten bei vielen
Problemen bedacht werden, die in der Entwicklung des Kindes auftreten
können. Stottern ist kein so ausgefallenes Problem, sondern eine Auffälligkeit
in der kindlichen Entwicklung, mit der man sich auseinandersetzen
kann.
Vielfach können äußere Umstände die Sprechstörung
auslösen und bedingen. Was aber durch äußere Bedingungen entsteht,
kann aber auch häufig von der Umwelt positiv beeinflusst werden. Das
sollte Sie zuversichtlich stimmen!
Informationen zum Thema Stottern bei Jugendlichen und Erwachsenen
Was ist Stottern?
Stottern ist ein vielschichtiges sprachliches Phänomen, welches
sich am auffälligsten in deutlich wahrnehmbaren Unterbrechungen
und/oder Verzögerungen des Redeflusses zeigt. Dabei ist Stottern eine
ganz individuelle Störung, die bei jedem Stotternden anders ausgeprägt
ist und auch anders empfunden wird. Stottern kann sich in
Wiederholungen oder Dehnungen von Lauten, Silben oder Wörtern oder in
der Blockierung des Redeflusses mit stummem Pressen oder Pressen mit hörbaren
Stimmgebungsversuchen äußern.
Teilweise treten auch sprechbegleitende Mitbewegungen an Augen, Armen,
Beinen oder anderen Körperteilen auf. Auch Erröten,
Herzklopfen, vermehrtes Schwitzen sowie psychische Probleme in Form
von Sprechscheu, Erwartungsängsten, Einzelgängertum, Versagensängste
oder Depressionen können Begleiterscheinungen bzw. Folgeerscheinungen
des Stotterns sein.
Die Art und Weise wie jemand stottert hängt in hohem Maße vom körperlichen
und seelischen Befinden und von der psychischen und physischen
Belastung ab. Stottern tritt bei den Betroffenen in unterschiedlichen
Gesprächssituationen unterschiedlich stark auf. Für den Stotternden
sind in erster Linie nicht die Blockaden im Sprechablauf, die Verzögerungen
und Wiederholungen das eigentliche Problem sondern die begleitenden
Empfindungen. Insbesondere Stotternde, die noch nicht an ihrem
Stottern gearbeitet haben fühlen sich ihrer Redefluss-Störung meist
hilflos ausgeliefert und geraten, im Versuch dagegen anzukämpfen,
zunehmend stärker unter Druck, verspannen sich noch mehr und stottern
noch heftiger. Viele fürchten sich vor dem Stottern, schämen sich,
äußern sich nur ungern und auch nur dann, wenn es unumgänglich ist.
Wie häufig tritt Stottern auf?
In der Gesamtbevölkerung tritt Stottern in jedem Land und jeder
Kultur mit einer Häufigkeit von ca. 1% auf. Bei kleinen Kindern
treten häufig entwicklungsbedingte Redeunflüssigkeiten
auf, die sich jedoch bei ca. 80% der Kinder bei richtigem Verhalten
der Eltern und Bezugspersonen ohne Therapie wieder verlieren. Bei
Kindern werden ca. 4% mit Stottersymptomen festgestellt, wobei Mädchen
mit 25% weitaus weniger betroffen sind als Jungen.
Kann man verschiedene Formen des Stotterns unterscheiden?
Nach Entstehung und Verlauf lassen sich verschiedene Formen des Stotterns unterscheiden.
- Entwicklungsbedingte Sprechunflüssigkeiten
Es finden sich hier vorwiegend Wiederholungen von Wort- und Satzteilen, seltener von Silben. Blockierungen und Verspannungen treten dabei kaum auf. Das Kind hat keine Sprechangst und kein Störungsbewusstsein. -
Beginnendes Stottern
Es sind Wiederholungen von Lauten, Silben und Wörtern sowie z.T. stille und hörbare Verlängerungen von Lauten zu bemerken. Blockierungen des Redeflusses treten meist am Satzanfang auf. Es besteht noch kein oder nur ein geringes Störungsbewusstsein. - Chronisches Stottern
Kennzeichnend hierfür sind sprachliche und nichtsprachliche Reaktionen, die das Stottern verstecken, vermeiden oder überwinden sollen. Es sind meist starke Sprechängste und ein starkes Störungsbewusstsein vorhanden. - Organisches Stottern
Stottern als Ausdruck einer zentralorganischen Sprechstörung z.B. bei einer Aphasie infolge eines Schlaganfalls. - Kombiniertes Stotter/Poltersyndrom
Stottern mit Polterkomponente tritt meist während der Sprachentwicklung im Rahmen einer familiären sprachlichen Gestaltungsschwäche auf. Typische Merkmale des Polterns sind das schnelle, überstürzte und unrhythmische Sprechen mit »Verschlucken« von Lauten und Silben, Wiederholungen von Silben, Auslassungen und Verschmelzungen von Silben und Wörtern, Lautangleichungen sowie Redeabbrüche mit anschließendem Satzumbau. Insgesamt zeigt sich eine verwaschene und unkorrekte Aussprache. Hinzu kommen nichtsprachliche Auffälligkeiten in Form von eingeschränkter Konzentrationsfähigkeit, grob- und feinmotorische Auffälligkeiten, geringe Musikalität und wenig ausgeprägtes Rhythmusempfinden sowie häufig Probleme beim Lesen und Schreiben. Aus einem Poltern im Kindesalter kann sich »echtes« Stottern entwickeln.
Was kann man tun?
Ignorieren Sie Ihr Stottern nicht sondern informieren Sie sich und setzen Sie sich kritisch mit Ihrer Sprechstörung auseinander. Versuchen Sie in Ihrer Familie und Ihrem Freundeskreis über Ihr Stottern und die damit einhergehenden Probleme zu reden. Isolieren Sie sich nicht, versuchen Sie offen mit ihrem Stottern umzugehen - Sie werden feststellen, dass Sie umso weniger Probleme mit Ihren Mitmenschen haben werden, je offener Sie darüber sprechen. Sprechen Sie Ihr Stottern in der jeweiligen Situation selbst an, dadurch werden überflüssige Ängste bei beiden Gesprächspartnern abgebaut und ein »normales« Umgehen miteinander möglich. Treten Sie einer Stotterer-Selbsthilfegruppe bei und besprechen Sie dort Ihre gemeinsamen Probleme, lernen Sie nette Leute kennen und überlegen Sie gemeinsam was man tun kann. Besuchen Sie die Seminare der Stotterer-Selbsthilfegruppen und suchen Sie deren Beratungsstellen auf. Beginnen Sie eine Therapie bei einem Sprachheilpädagogen, Sprachtherapeuten oder Logopäden.
Informieren sie sich über die verschiedenen Möglichkeiten,
probieren Sie aus, was Ihnen zusagt und entscheiden Sie dann, was für
Sie am besten ist. Nur wenn Sie es selbst in die Hand nehmen, kann
sich an Ihrem Problem auch etwas ändern.
Wie verhalte ich mich einem Stotternden gegenüber?
Für die meisten Stotternden ist die Angst vor dem Stottern und die
Angst vor den Reaktionen der Mitmenschen das Schlimmste. In einer
stress- und angstfreien Umgebung können viele von ihnen jedoch flüssig
sprechen. Helfen sie diesen Menschen, indem Sie versuchen, sich in
deren Situation hineinzudenken und zeigen Sie Verständnis. Stottern
ist nichts Schlimmes sondern nur eine andere Art zu Sprechen.
Reagieren Sie deshalb so »normal« wie bei Flüssigsprechenden, wenn
jemand stottert. Halten Sie z.B. den Blickkontakt aufrecht als Zeichen
ihrer Aufmerksamkeit, unterbrechen Sie ihn nicht und sprechen Sie
nicht für ihn weiter, warten Sie ab, bis er zuende gesprochen hat,
andernfalls missachten und entmündigen Sie ihn als Gesprächspartner.
Setzen Sie sich über gängige Vorurteile hinweg und qualifizieren Sie
den Stotternden gedanklich nicht einzig und allein wegen seines
Stotterns ab. Wer über Stotternde lacht, versucht nur über seine
eigene Unsicherheit im Umgang mit ihnen hinwegzutäuschen. Lachen Sie mit
den Stotternden und nicht über sie. Wenn Sie merken, dass ein
Stotternder über sein Problem mit Ihnen reden möchte, hören Sie ihm
geduldig zu. Zeigen Sie Verständnis, vermeiden Sie aber Mitleid.
So wie Sie selbst von anderen behandelt werden wollen, sollten Sie
auch dem Stotternden Aufmerksamkeit, Respekt, Geduld und Achtung
entgegenbringen.
Autor: Uwe Kurz
Informationen zum Thema Unterstützte Kommunikation
Was ist Unterstützte Kommunikation?
Kommunikation als wechselseitiger Austausch mit der Umwelt ist ein
Grundbedürfnis des Menschen. Insofern kann man sich die enorme
Belastung für Menschen vorstellen, die aufgrund einer stark beeinträchtigten
oder verlorenen Sprach- bzw. Sprechfähigkeit unter den sozialen
Einschränkungen leiden müssen, wenn die verbale Kommunikation
weitgehend unmöglich geworden ist. Unterstütze Kommunikation kann
man in diesem Zusammenhang als »Brücke« zu den lautsprachlich
kommunizierenden Mitmenschen betrachten. Das englische »AAC =
augmentative and alternative communication« weist deutlicher als die
deutsche Bezeichnung auf ihre Inhalte hin: UK versucht angemessene
sprachergänzende oder - ersetzende Kommunikationshilfen
bereitzustellen, so dass der (vorübergehend) Nichtsprechende nicht in
einer kommunikativen Isolation gefangen bleibt. Dabei stammt ein Großteil
von alternativen Kommunikationssystemen aus dem Bereich der Gehörlosenpädagogik.
In diesem Zusammenhang soll lediglich kurz auf die Abgrenzung zur Gestützten
Kommunikation (FC = facilitated communication) verwiesen werden. FC
stellt lediglich ein Teilgebiet insbesondere für die Arbeit mit
autistischen Menschen dar, wobei ein Stützer physische, verbale und
emotionale Hilfestellung beim Deuten auf Symbole o.ä. leistet.
An wen richtet sich UK?
Unterstützte Kommunikation richtet sich an sämtliche
Personengruppen, die in ihrer Kommunikationsfähigkeit eingeschränkt
sind. Dabei besteht der Personenkreis der Nichtsprechenden zum
einen in der Gruppe der Frühgeschädigten, was impliziert, dass
bereits die Sprachentwicklung behindert ist, und zum anderen in der
Gruppe der Spätgeschädigten, die von vorübergehendem oder
bleibendem Verlust der Sprech- und/oder Sprachfähigkeit nach
vollendetem Spracherwerb betroffen sind. Neben Muskelerkrankungen,
ALS, Multiple Sklerose, Parkinson-Syndrom und vielen weiteren
Erkrankungen ist auch die häufig in der Sprachtherapie anzutreffende Aphasie
eine verbreitete Ursache.
Formen der UK und ihre Besonderheiten
In der Unterstützten Kommunikation wird zunächst zwischen körpereigenen
(= dynamisch) und extern unterstützten Kommunikationsformen (=
statisch) unterschieden. Dabei beinhalten die körpereigenen Methoden
zum einen allgemein gebräuchliche, wie z.B. Gestik und Mimik und
andererseits kompensierende Methoden (auf Regeln basierende Gebärden,
Fingeralphabet, das so genannte Lormen etc.). Unter die extern unterstützten
Kommunikationsformen fallen sowohl Hilfen ohne technischen Aufwand,
sogenannte statische Symbole, wie beispielsweise konkrete Gegenstände,
Fotos oder graphische Symbole (BLISS, LÖB etc.) als auch tragbare
elektronische Hilfsmittel, die heute in der Regel eine digitalisierte
(= natürliche) oder synthetische (künstliche) Sprachausgabe
aufweisen.
Die wesentliche Besonderheit in allen alternativen
Kommunikationshilfen liegt im Vergleich zur lautsprachlichen
Kommunikation in erster Linie im sehr begrenzten »Sprechtempo«. Während
das lautsprachliche Sprechtempo zwischen 120-185 Wörtern in der
Minute variiert, wurden bei verschiedenen unterstützt
Kommunizierenden 2-26 Worte in der Minute gezählt. In diesem
Zusammenhang ist die stark verzögerte Reaktions- bzw. Pausenzeit sehr
lang, was insbesondere der sprechende Kommunikationspartner häufig
zunächst als unangenehm empfindet.
Es handelt sich insofern um eine sogenannte
Asymmetrische Kommunikation, auch deswegen, weil der unterstützt
Kommunizierende viel seltener initiieren kann und insofern einen
geringeren Gesprächsanteil und weniger Einflussmöglichkeiten auf den
Gesprächsverlauf nehmen kann. Er muss sich auf die für ihn
wichtigsten Äußerungen beschränken und kann nicht auf alles
reagieren, da viele Reaktionsmomente längst veraltet sind, bis er
eine Aussage tätigen konnte. Darüber hinaus können alle
Kommunikationsmedien immer nur ein begrenztes Vokabular zur Verfügung
stellen, so dass in diesem Kontext häufig Missverständnisse und
Verstehenskrisen aufkommen, wenn der sprechende Kommunikationspartner
das begrenzte Vokabular nicht korrekt zur gewünschten Äußerung »ko-konstruiert«.
Die hier lediglich angedeuteten Schwierigkeiten machen bereits
deutlich, wie notwendig Geduld und Konzentration beider
Kommunikationspartner sind.
Ziele der UK in der Sprachtherapie
Wie bereits kurz angedeutet, besteht das Hauptziel der Unterstützten
Kommunikation darin, den Menschen, die nicht mehr auf die allgemein
gebräuchliche Lautsprache zurückgreifen können, aus ihrer
kommunikativen Not zu verhelfen. Kommunikation soll sich aufgrund der
Einschränkungen nicht zu einem einzigen Frustrationserlebnis
entwickeln, so dass letztlich die noch vorhandenen kommunikativen Fähigkeiten
»verschüttet« werden. Demnach knüpft UK an sämtlichen Möglichkeiten
(z.B. an die motorischen Fähigkeiten für Gebärden,
schriftsprachliche Fähigkeiten etc.) des Betroffenen an, so dass man
in diesem Zusammenhang auch von totaler Kommunikation spricht.
Setzt man sich mit der Bedeutung von »Sprechen können«
auseinander, wird deutlich, dass die Bereitstellung von vorübergehenden
bzw. ständigen Kommunikationshilfen (sowohl als Hilfe zum (Wieder-)
Erwerb der Lautsprache als auch als Ersatz für Lautsprache) ein
wichtiges Kriterium für die Lebensqualität der Betroffenen
darstellt. So beinhaltet das Sprechen u.a. die Möglichkeit, Gefühle,
Bedürfnisse, Bedingungen, Gründe etc. zu nennen, so dass darüber
Erfahrungen des Verstandenwerdens, der Umweltbeeinflussung, der
individuellen Lebensgestaltung und der Selbstdarstellung verbunden
sind.
Im Gegensatz dazu besteht für Nichtsprechende ohne
wirksame Kommunikationsmedien die Gefahr, dass die Mitmenschen zu
ihnen sprechen, für sie sprechen, aber nur leider selten mit ihnen
sprechen. Über die Erarbeitung einer individuellen und multimodalen
Kommunikationshilfe soll somit sowohl auf der kommunikativen Ebene als
auch auf der sozialen Ebene eine möglichst umfassende Autonomie des
Betroffenen wieder hergestellt werden.
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin: Kathrin Werner
Informationen zum Thema Zahnfehlstellungen
Grundbegriffe
Das bleibende (permanente) Gebiss besteht aus jeweils 16 Zähnen im Ober- und Unterkiefer. Pro Kieferhälfte finden sich
- 2 Schneidezähne (Incisivi)
- 1 Eckzahn (Caninus)
- 2 Backenzähne (Praemolares)
- 3 Mahlzähne (Molares).
Um die einzelnen Zähne genau bezeichnen zu können, wird der Kiefer in 4 Quadranten aufgeteilt und jeder Zahn mit einer Zahl versehen, so dass sich folgendes Schema ergibt (Blick des Arztes auf den Patienten!):

Die erste Ziffer bezeichnet dabei den Quadranten, die zweite den
Zahn.
Beispiel:
23 (zwei-drei) = Eckzahn oben links.
Im Milchgebiss werden die Quadranten weiter durchnummeriert, so dass
der rechte Oberkiefer die Vorziffer 5, der linke Oberkiefer die
Vorziffer 6, der linke Unterkiefer die Vorziffer 7 und der rechte
Unterkiefer die Vorziffer 8 erhält. Im kindlichen Milchgebiss fehlen
die Prämolaren, hier sind zusammen nur 20 Zähne vorhanden.
Zur räumlichen Orientierung im Gebiss werden allgemein folgende
Lagebezeichnungen verwendet:
- buccal = zur Wange
- palatinal = zum Gaumen (Oberkiefer)
- vestibulär = zum Mundvorhof
- mesial = nach vorne
- distal = nach hinten
- lingual = zur Zunge (Unterkiefer)
- labial = zur Lippe
Zur weiteren räumlichen Orientierung im Schädel dienen drei senkrecht aufeinanderstehende Bezugsebenen:
Da der Unterkiefer als beweglicher Schädelknochen seine Lage zum
Oberkiefer verändern kann, lassen sich Positionsveränderungen im
Gebiss mit Hilfe dieser Bezugsebenen beschreiben.
Neutralbiss
Der Neutral- oder Regelbiss (Kl. I nach Angle) ist die normale,
kaufunktionell optimale Lagebeziehung des Unterkiefers zum Oberkiefer
und zum Gesamtschädel. Um die Lage des Kiefers im Mund zu
klassifizieren, werden seit Angle (1900) Markierungspunkte benutzt,
die sogenannten »Regelbissmarken«. Diese Regelbissmarken sind
Grundlage für die Diagnostik. Im Neutralbiss okkludieren (schließen,
verzahnen) bei vollständigen Zahnreihen die mesiobuccalen Höcker der
Zähne 16 und 26 mit den Buccalfissuren der Zähne 36 und 46 sowie die
Spitzen von 13 und 23 mit den Interdentalräumen von 33/34 und 43/44.
Im folgenden soll näher auf die wichtigsten pathologischen
Gebissbefunde eingegangen werden.
Abweichungen in der Sagittalebene
Distalbiss (Kl. II nach Angle)
Mit Distalbiss wird eine zu weit rückwärtige Lage des unteren
Zahnbogens gegenüber dem oberen bezeichnet, wobei diese Störung des
Zusammenbisses der Zahnreihen durch eine Rücklage des ganzen
Unterkiefers bedingt ist, was außerdem eine entsprechende Beeinträchtigung
der Profilgestaltung bewirkt. Allgemein wird hierbei eine weitere
Unterscheidung in Mundatmer und Nasenatmer vorgenommen. Bei den
Mundatmern stehen die oberen Schneidezähne nach außen geneigt und
meist lückenhaft (Spitzfront), bei den Nasenatmern stehen diese nach
innen geneigt und zusammengeschoben (Steilstand/Flachfront).
Des weiteren erfolgt eine Unterteilung danach, ob es sich um eine ein-
oder beidseitige Anomalie handelt. Ist der Oberkiefer im Ganzen überentwickelt,
wird diese Anomalie auch PROGNATHIE bezeichnet. Handelt es sich um
einen normal entwickelten Oberkiefer bei unterentwickeltem
Unterkiefer, nennt man diese Kieferstellung auch OPISTOGENIE. Es
besteht die Gefahr der Zahnfraktur bei Sturz durch die vorstehenden Zähne, hinzu
kommen Kau- und Abbeißprobleme sowie Kiefergelenksprobleme.
Mesialbiss (Kl. III nach Angle)
Beim Mesialbiss führen in Umkehrung der gerade beschriebenen Verhältnisse
ein oberer Schneidezahnrückstand oder unterer Schneidezahnvorstand
ebenso wie ein Vorstand des gesamten Unterkiefers gegenüber dem
Oberkiefer zu einem gestörten frontalen Überbiss in Form eines
Vorbisses der unteren Schneidezähne vor die oberen. Auch hier wird
unterschieden, ob es sich um eine ein- oder beidseitige Anomalie
handelt. Bei überentwickeltem Unterkiefer und normal großem
Oberkiefer wird diese Form PROGENIE auch genannt. Ist der Oberkiefer
im Bereich der Frontzähne mangelhaft entwickelt und der Unterkiefer
normal groß, bezeichnet man dies auch als OPISTOGNATHIE. Infolge des
ungehemmten Unterkieferwachstums treten Probleme beim Kauen und Abbeißen
auf, in vielen Fällen auch Kiefergelenksprobleme.
Abweichung der Frontzähne in der Sagittalebene
Eine sagittale Verschiebung des Unterkiefers kann auch Auswirkungen auf die Verzahnung der Schneidezähne haben:
- Von einem umgekehrten Überbiss mit positiver incisaler Stufe wird gesprochen, wenn die unteren Frontzähne ohne Kontakt mit ihren Antagonisten (wie beim Mesialbiss) vor den oberen Schneidezähnen stehen.
- Beim Kopfbiss haben die Antagonisten Kontakt auf den Incisalflächen.
- Die normale Verzahnung ist durch den korrekten Überbiss (Normal- oder Scherenbiss) gekennzeichnet. Hierbei treffen die Kanten der unteren Frontzähne etwa 2 mm unterhalb der Schneidekante auf die palatinalen Flächen ihrer Antagonisten.
- Stehen die unteren Frontzähne zu weit nach hinten (distal) und finden keinen Kontakt zu ihren oberen Antagonisten, spricht man von einem Überbiss mit negativer incisaler Stufe.
Abweichungen in der Vertikalebene
Tiefer Biss
Der tiefe Biss beruht auf einer Störung der vertikalen Beziehungen
der Zahnreihen zueinander. Dabei beißen die oberen und unteren Frontzähne
zu weit übereinander. Als Norm für unsere Bevölkerung ist ein
vertikaler Überbiss der oberen Schneidezähne über die unteren um
etwa 1-2 mm anzusehen. Bei einem extrem tiefen Biss kann ein Überbiss
um ein Vielfaches dieses Ausmaßes vorhanden sein. Unter Umständen können
die unteren Frontzähne sogar in das parodontale Gebiet des
Gegenkiefers einbeißen, was zu Schäden des Zahnhalteapparates (Parodontalschäden)
führen kann.
Offener Biss
Eine umgekehrte Störung der vertikalen Okklusionsbeziehungen stellt
der offene Biss dar. Hierbei finden einzelne Zähne oder Zahngruppen
beim Kieferschluss keinen Kontakt mit ihren Gegenzähnen. Meist ist
der offene Biss auf den Frontzahnbereich beschränkt (frontal
offener Biss), mitunter sind jedoch auch Teile des Eck- und
Seitenzahnbereichs betroffen (seitlich offener Biss). Je nach
Ursache dieser Abweichung von der normalen Bisslage spricht man vom
- lutschoffenen Biss
aufgrund lang andauernden Daumen- oder Schnullerlutschen - rachitisch offenen Biss
aufgrund rachitischer Veränderungen der Knochenstruktur - iatrogen offenen Biss
aufgrund falscher zahnärztlicher oder kieferorthopädischer Maßnahmen - traumatisch offenen Biss
aufgrund von Frakturen und Verletzungen im Kieferbereich - skelettal offenen Biss
aufgrund skelettaler Entwicklungsstörungen des Gesichtsschädels.
Der offene Biss ist in der Regel immer mit einer Atemführung durch
den Mund gekoppelt. Schäden finden sich in Form von Störungen der
Aussprache und der Abbeiß- und Kaufunktion.
Abweichungen in der Transversalebene
Kreuzbiss
Die Abweichung in der Transversalebene führt vom normalen Überbiss
der Zähne im Seitenzahnbereich zu dem verkehrten Überbiss der
Seitenzähne, dem sogenannten Kreuzbiss. Diese Gebissanomalie kann an
jedem Zahn oder in jeder Zahngruppe auftreten. Hierbei ist auf einer
oder beiden Kieferseiten der regelrechte Überbiss der oberen Zähne
über die unteren gestört, indem die betreffenden Seitenzähne des
Oberkiefers von den äußeren Höckern der entsprechenden Zähne des
Unterkiefers buccal überragt werden. Stehen die Höcker der unteren
und oberen Seitenzähne aufeinander, spricht man vom Kantbiss. Wachsen
die oberen Zähne buccal oder lingual an den unteren vorbei, spricht
man von buccaler bzw. lingualer Nonokklusion. Beim frontalen Kreuzbiss
ist das Oberkieferwachstum gehemmt, es treten vermehrt Parodontalschäden
auf. Beim seitlichen Kreuzbiss wächst der Unterkiefer asymetrisch,
hierdurch bedingt entwickelt sich häufig eine Gesichtsasymetrie.
Komplexe Kiefer- und Zahnstellungsanomalien
Deckbiss
Als erbliche, vertikal-sagittal-transversale Anomalie kann der
Deckbiss schon im Milchgebiss auftreten und weist als
charakteristische Merkmale eine Abflachung der oberen Frontzahnreihe
mit einer Rückkippung und Steilstellung, insbesondere der oberen
mittleren Schneidezähne auf. Diese Fehlstellung (schon der Zahnkeime)
beeinflusst die Entwicklung des gesamten Gebisses und führt zum
tiefen Biss und in 70 % der Fälle zum Distalbiss. Beim Deckbiss und
tiefen Biss finden sich Schäden in Form von Einbiss in
Gaumenschleimhaut und Schäden des Zahnhalteapparates (Parodontalschäden).
Kieferkompressionen
Hierbei handelt es sich um einen in transversaler Richtung relativ zu
schmalen Zahnbogen, der mit Zahnstellungsabweichungen einhergeht. Bei
der Kieferkompression mit frontalem Engstand weisen die Frontzähne
infolge Einengung des ihnen zur Verfügung stehenden Platzes innerhalb
des Zahnbogens eine unregelmäßige und ineinander verschachtelte
Stellung auf. Bei der frontalen Protrusion stehen die Schneidezähne
vor, und es ist eine spitzbogenartige Gestaltung des normalerweise
gerundeten Frontzahnbogens zu beobachten. Dabei können die Schneidezähne
in dichtgedrängte Stellung angeordnet sein (engstehende Protrusion)
oder eine fächerförmige Anordnung mit großen interdentalen
Zwischenräumen (lückige Protrusion) aufweisen. Beim Engstand treten
vermehrt Karies, bedingt durch erschwerte Reinigung, und Parodontalschäden
auf.
Protrusion
Bei lückiger »Auffächerung« der Zähne nach vorn, spricht man von
einer Protrusion. Sind beide Zahnreihen aufgefächert und das
Zahnfleisch geschwunden, kann dies eine Folge von permanentem Druck
der Zunge gegen beide Frontzahnreihen sein. Dieses Bild wird als
bimaxilläre Protrusion oder bialveoläre Protrusion bezeichnet. Die
Kiefer sind hierbei normal breit, die Bisslage ist neutral. Erbliche
Faktoren scheinen bei dieser Anomalie eine Rolle zu spielen, wobei
Einflüsse der Zungenlage und des Zungendrucks hinzukommen. Der Platzüberschuss
im Lückenstand führt in der Regel zu Störungen bei der Aussprache.
Vorzeitiger Zahnverlust
Vorzeitige Verluste von permanenten oder Milchzähnen können zu
transversalen, sagittalen oder auch vertikalen Stellungsanomalien führen:
- Wachstumshemmungen im Ober- oder Unterkiefer
- Zahnwanderungen mit Engstand, Drehung oder Kippung
- Retention oder Verlagerung bleibender Zähne
- Asymmetrien von Zahnbögen, Kiefer oder Schädelskelett
- Mesialokklusion bei Zahnverlust oder Zahnwanderung im Oberkiefer
- Distalokklusion bei Zahnwanderung/Zahnverlust im Unterkiefer
- Reduzierung oder Verlust der Stützzonen u. a.
Autor: Uwe Kurz
Quellen:
FRISCHAUF, Hermann, KREGCJK, Konrad (1985): Stellungsanomalien der Zähne und Bisslageanomalien. In: Der Sprachheilpädagoge 17 (1985)
GARLINER, Daniel (1989): Myofunktionelle Therapie in der Praxis, Germering
MAYRHOFER-KRAMMEL, Ursula (1989): Okklusionsstörungen und deren kieferorthopädische Therapie. In:
Der Sprachheilpädagoge 21 (1989)
SCHOEN, Manfred; HUBER, Martin (1986): Zahnheilkunde, Stuttgart/New York
Informationen zum Thema Zungenbändchen
Was ist das Zungenbändchen?
Das Zungenbändchen (Frenulum linguale) ist eine mit Schleimhaut überzogene
muskuläre Falte, die die untere Zungenfläche mit dem Mundboden
verbindet. Das Bändchen verläuft von der Unterseite der Zungenspitze
nach hinten zum Mundboden. Allgemein unterscheidet man zwischen einem
hoch, normal und tief ansetzenden sowie einem kurzen, normalen und
langen Zungenbändchen.
Wann ist ein Zungenbändchen zu kurz?
Bei etwa fünf Prozent aller Neugeborenen wird ein ein zu kurzes
Zungenbändchen beobachtet. Bei extremer Verkürzung lässt es daher
die Zunge vorne eingekerbt bzw. zweigeteilt erscheinen, insbesondere,
wenn diese heraus gestreckt wird (Ankyloglossie). Die Ankyloglossie
ist eine angeborene Verwachsung der Zunge mit dem Mundhöhlenboden.
Dabei ist das Zungenband weit zur Zungenspitze hin fixiert. In
selteneren Fällen kann eine Ankyloglossie auch durch Vernarbung nach
Verletzungen auftreten.
Welche Auswirkungen hat ein verkürztes Zungenbändchen?
Im allgemeinen bestehen bei einem Säugling mit kurzem Zungenbändchen
während des Saugens, Trinkens und Schluckens selten Schwierigkeiten.
Lediglich bei sehr kurzen Bändchen (Ankyloglossie) ist eine eingeschränkte
Zungenbeweglichkeit zu beobachten. Hierdurch kann das Stillen fast unmöglich
werden, so dass selbst eine erfahrene Stillberaterin hier keine
Abhilfe schaffen kann. Die Bewegungsmuster der Zunge lassen sich unschädlich
mit Hilfe von Ultraschall auf abweichende Bewegungen hin untersuchen.
Auf die Sprachentwicklung
selbst hat ein verkürztes Zungenbändchen keine negative
Auswirkungen. In einigen Fällen kommt es zur Behinderung bei der
Bildung von Lauten, welche mit Hilfe der Zungenspitze entstehen (d, t,
l, n, s), da die Zunge nicht weit genug an die korrekten
Artikulationsstellen reicht. Die betroffenen Laute werden dann mit der
Zungenmitte am Gaumen gebildet anstatt mit der Zungenspitze hinter den
oberen Schneidezähnen.
Fernerhin können aufgrund eines verkürzten
Zungenbändchens Veränderungen des Zahnbogens, Zahnfehlstellungen
(vor allem der Schneidezähne), Schwierigkeiten beim Anpassen von
Zahnprothesen oder kieferorthopädischen Apparaten auftreten, so dass
ein verkürztes Zungenbändchen operativ gelöst werden muss. Eine
weitere Folgeerscheinung können myofunktionelle Störungen
sein, wenn die Zunge beim Schluckvorgang nicht den korrekten
Bewegungsmustern folgen kann oder in der Zungenruhelage auf dem
Mundboden liegt, was wiederum zu Mundatmung mit erhöhter Infektanfälligkeit
führt.
Was kann getan werden?
Da ein stark verkürztes Zungenbändchen zu Stillproblemen, starken
Artikulationsstörungen (Dyslalien) beim
Sprechen oder myofunktionellen Störungen führen
kann, ist es in einigen Fällen sinnvoll, die Verwachsung so früh wie
möglich, spätestens jedoch etwa im 5. Lebensjahr durch einen kleinen
und einfachen chirurgischen Eingriff zu lösen. Die Beseitigung
erfolgt chirurgisch entweder durch eine einfache Durchtrennung (Frenotomie)
oder heute häufiger mittels einer so genannten Frenuloplastik (VY-Verschiebung
oder Z-Plastik). Dieser Eingriff wird zumeist von einem Facharzt für
Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie/Oralchirurgie oder von einem Facharzt für
HNO-Heilkunde in der Regel ambulant, jedoch unter Narkose durchgeführt
und dauert ca. 20-25 Minuten. Dabei wird, um das Zungenbändchen zu
verlängern, dieses Z-förmig oder VY-förmig durchtrennt und wieder
vernäht. Die zu frühe Durchtrennung ohne Narkose, kann zu Blutungen
oder ungünstigen Vernarbungen führen.
Gibt es noch andere Aspekte zu beachten?
Beim heute so beliebten Zungen-Piercing kann das Zungenbändchen beim Herausziehen der Zunge verletzt werden, wenn dieses zu kurz ist. Des weiteren kann sich die Piercing-Wunde in der Zungenmitte entzünden und eitern. Der fortschreitende Vereiterungsprozess kann schnell bis ins Gewebe des Zungenbändchens und des Mundbodens vordringen, so dass im schlimmsten Fall eine Teilamputation notwendig werden kann.
Autor: Uwe Kurz
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Alle Rechte vorbehalten. Zuletzt bearbeitet am 25.10.2026, 11.14 Uhr.