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Voraussetzungen für einen ungehinderten Spracherwerb
Entwicklung der Aussprache
Entwicklung des Wortschatzes
Entwicklung der Grammatik
Entwicklung der Kommunikation
Entwicklung des Sprachverständnisses
Entwicklung des Redeflusses
Entwicklung des Sprachgefühls
Entwicklung der Sprache nach dem
sensomotorischen Entwicklungsgitter
von Dr. Ernst J. Kiphard
Eigentlich ist es immer wieder ein kleines Wunder, dass viele Kinder ohne große Mühe sprechen lernen. Doch haben auch zahlreiche Kinder Schwierigkeiten dabei. Die Voraussetzungen für einen ungestörten Spracherwerb beginnen bereits in der Schwangerschaft. Hierbei entwickelt das noch ungeborene Kind seine biologischen Anlagen, um Sprache erwerben und anwenden zu können. Nach der Geburt kommt die sprachliche Zuwendung der Eltern, Geschwister, Verwandten und anderer Menschen dazu. Der Spracherwerb beginnt lange bevor das Kind selber sprechen kann.
In den ersten Lebensmonaten experimentiert der Säugling mit seiner Stimme. Er produziert zahlreiche Geräusche und macht auf diese Weise erste Erfahrungen mit Sprachlauten und den dafür erforderlichen Sprechbewegungen, auch wenn diese Laute noch nicht mit festen Bedeutungen verbunden sind. So erwirbt er allmählich die willentliche Kontrolle über die für das Sprechen notwendigen Bewegungen. Mit zunehmendem Lebensalter vergleicht es die gehörten Sprachlaute aus seiner Umgebung mit seinen eigenen und passt diese entsprechend an. Selbst gehörlose Säuglinge durchlaufen die erste sogenannte Lallphase. Sie verstummen erst dann, wenn es um den Vergleich mit den sie umgebenden Sprachlauten und deren Nachahmung geht. Bei dem hier beschriebenen Aspekt des Spracherwerbs handelt es sich um die Aussprache. Dazu gehört, dass das Kind alle in seiner Muttersprache vorhandenen Laute bilden und sie entsprechend den Regeln des jeweiligen Sprachsystems anwenden lernt.
Nach und nach formt das Kind Sprachlaute dahingehend, dass erkennbare Worte entstehen. Damit gehen andere wichtige Erkenntnisprozesse einher. Zum einen ist es die Tatsache, dass Gegenstände auch dann noch existieren, wenn sie für das Kind nicht greifbar vorhanden sind. Dies zeigt sich beispielsweise darin, dass ein Kind einen Spielgegenstand sucht, obwohl er nicht in seinem Blickfeld ist. Zum anderen sind es die vielfältigen konkreten, von seinem Umfeld sprachlich begleiteten Erfahrungen mit sich selbst, mit Dingen und Handlungen, die ihm die Bedeutung der Worte vermitteln. Allmählich verbindet sich dieses Wissen mit sprachlichen Erkenntnissen: Ein Wort wird zum Stellvertreter für den realen Gegenstand, eine Tätigkeit oder für Gefühle. Später kommen komplexere Wörter hinzu, die abstraktere Inhalte und grammatische Bezüge ausdrücken. Auch die Erwerbsstrategie ändert sich mit dem Lebensalter. Das Kind wird zunehmend unabhängiger von der konkreten Anschauung. Der Wortschatz des Kindes entwickelt sich. Dabei zeigt sich, dass der passive Wortschatz, also der Wortschatz des »Sprache-Verstehens«, stets deutlich größer ist als der aktive Wortschatz des »Sich-Ausdrücken-Könnens«.
Eng verbunden mit der Entwicklung des Wortschatzes ist der Aufbau von
Sätzen. Vorläufer davon stellen bereits die Doppelungen derselben Wörter und
die ersten Kombinationen verschiedener Wörter beim Übergang von der Einwort-
zur Zweiwortphase dar. So kann beispielsweise die Äußerung »Mami
Tasse!« abhängig von der Situation verschiedenes Bedeuten: Vielleicht
möchte das Kind den Wunsch nach einer Tasse übermitteln, möglicherweise will
es lediglich feststellen, dass die Mutter eine Tasse hat.
Dies Beispiel
verdeutlicht, dass das Kind mehr sagen möchte, als ihm an sprachlichen Mitteln
zur Verfügung steht. Die Bedeutung seiner Äußerung zu verstehen und
angemessen zu übersetzen und zu erweitern, ist Aufgabe seines sozialen
Umfeldes. Im Laufe seiner Sprachentwicklung hat das Kind ein komplexes
Regelsystem »zu knacken«. Es lernt zum Beispiel die Regeln der
Wortstellung, wobei die Stellung des Tätigkeitswortes zunächst herausragend
ist. Des weiteren ist es die Veränderung einzelner Wörter, die innerhalb eines
Satzes aufeinander abgestimmt sind. So ist die Endung des Tätigkeitswortes
abhängig vom Hauptwort: Ich gehe - du gehst. Das Kind erwirbt also das
grammatische Regelsystem unserer Sprache.
Lange bevor der heranwachsende kleine Mensch ein Gespräch führen kann, werden ihm grundlegende Anreize dazu vermittelt. Bei der genaueren Betrachtung früher Unterhaltungen mit Säuglingen wurde festgestellt, dass Sprechende zwischen ihren Äußerungen eine kleine Pause einhalten. Diese Pausen signalisieren, dass eigentlich an dieser Stelle eine Antwort erwartet wird. Mit den zunehmenden sprachlichen Fähigkeiten füllt das Kind diese Lücken tatsächlich aus. Natürlich unterscheiden sich Gespräche mit Kindern von denen mit anderen Gesprächspartnerinnen und -partnern. Dennoch: das »Sich-Mitteilen und Sich-Austauschen mit anderen« und später das Erzählen von Erlebtem etc. geschieht von Beginn an in altersgemäßer Weise. Dieser Bereich des Spracherwerbs umfasst die gesamte Anwendung der sprachlichen und nicht-sprachlichen Kenntnisse (Mimik und Gestik), also die Kommunikation.
Das Verstehen von Sprache entwickelt sich in demselben Rahmen wie die anderen sprachlichen Bereiche auch. Zeitlich geht es der Fähigkeit, Sprache anzuwenden voraus, d.h. das Kind versteht uns, bevor es sich selber äußern kann. Lange Zeit ist diese Verständnis jedoch eng an die Jeweilige Situation gebunden. Ein echtes Sprachverständnis entwickelt sich schrittweise, bis es sich von der konkreten Situation löst.
Die Planung und Ausführung von mündlichen Äußerungen stellen eine hohe Anforderung an das Kind dar. So verwundert es nicht, dass damit häufig Satzabbrüche, Umformulierungen, Wortwiederholungen und kleine Denkpausen einhergehen. Sie bewirken, dass das Sprechen des Kindes unflüssig klingt. Außerdem muss die Feinabstimmung der Muskelbewegungen, die für das Reden notwendig sind, sich erst entwickeln und reifen. Dies ist eng verbunden mit den hier geschilderten sprachlichen Entwicklungsbereichen und solchen, die für die Bewegungskontrolle zuständig sind. Der Redefluss unterliegt also ebenfalls einem längeren Entwicklungsprozess.
Nicht zuletzt lernt das Kind während seiner Sprachentwicklung quasi »nebenbei« etwas, was nichts mit einzelnen Lauten, Wörtern oder grammatischen Strukturen zu tun hat, aber dennoch die Verständlichkeit unserer Lautsprache beeinflusst: Betonungen, Pausen, Sprechrhythmus, Tonhöhen und -tiefen etc. Denken Sie nur einmal daran, dass der Anstieg einer Tonhöhe am Ende des Satzes eine Frage anzeigt. Man könnte dies alles mit Sprachgefühl bezeichnen.
Quelle:
Informationsbroschüren der Deutschen Gesellschaft für Sprachheilpädagogik
Nr. 3 Störungen des Spracherwerbs (Autorin: Angelika Schindler)
Nr. 4 Förderung des Spracherwerbs (Autorin: Angelika Schindler)
Hinweis:
Die Alterswerte gelten für Spätentwickler, d.h. 90% der Kinder erfüllen diese Aufgaben.
6 Monate:
• Saugt, schluckt, weint
• Andere Laute als Weinen
• Laute: cha, grr, öh, erre
• Kichert, lacht, quietscht
• Schließt Mund, schluckt Speichel
• Antwortet durch Laute
1 Jahr:
• Leckt Breilöffel gut ab
• Trinkt von gehaltener Tasse
• Spuckt mit Zungenspitze
• Äußert Stimmungslaute
• Ahmt Laute nach
• Lallt 4 verschiedene Silben
1 Jahr 6 Monate:
• Kaut mühelos feste Nahrung
• Laute als Wunschäußerung
• Laute: a, o, u, m, b, p
• Sagt 2 sinnvolle Worte
• Ahmt 2 Tierlaute nach
• Ahmt 2 Worte nach
2 Jahre:
• Einwortsatz als Wunsch
• Laute: n, l, d, t, w, f
• Verwendet 5 Worte
• Benennt 3 Personen
• Benennt 4 Dinge
• Benennt 2 Tätigkeiten
2 Jahre 6 Monate:
• Verwendet 10 Worte
• Nennt sich beim Vornamen
• Sagt: da, weg, bitte, danke
• Benennt 2 Eigenschaften
• Spricht Zweiwortsatz
• Verwendet der, die, das
3 Jahre:
• Sagt: noch, wieder, viel
• Wiederholt Viersilbensatz
• Fragt: was'n das?
• Spricht Dreiwortsatz
• Spricht mit Puppe, Teddy
• Laute: r, s, sch, x, z
3 Jahre 6 Monate:
• Sagt: ich, du, mein, dein
• Verwendet Mehrzahl
• Benennt Tätigkeit im Bild
• Nennt 5 Tiere
• Berichtet spontan Erlebnis
• Verwendet Vergangenheit
4 Jahre:
• Laute: ch/ch, ng, nt, schp, fr
• Erklärt, was es spielt
• Wiederholt Kurzgeschichte
• Gebraucht Nebensätze
• Fragt: wer, wo, wann, warum
• Nennt 2 Gegensätze
4 Jahre 6 Monate:
• Wiederholt 5-Wortsatz
• Sagt, was es heute tat
• Beantwortet 3 Zweckfragen
5 Jahre:
• Benennt 3 Farben
• Spricht 4 Zahlen nach
• Spricht 5-Wortsätze
5 Jahre 6 Monate:
• Sagt, was es morgen vorhat
• Fragt nach Wortbedeutung
• Nennt 2 Analogien
6 Jahre:
• Beschreibt Bildszene
• Beantwortet 3 Wenn-dann-Fragen
• Zählt 10 Dinge ab
6 Jahre 6 Monate:
• Nennt 3 Oberbegriffe
• Nennt Material: Schuh, Tür
• Definiert 2 Unterschiede
7 Jahre:
• Satz aus 3 Stichworten
• Erklärt: Vorhang, Hecke, See
• Nennt 3 Hausbaumaterialien
7 Jahre 6 Monate:
• Erzählt Selbsterfundenes
• Gebraucht Ausreden
• Erklärt Ähnlichkeiten
Bitte beachten Sie, dass die Sprachentwicklung nicht isoliert von der übrigen Entwicklung wie z.B. der Entwicklung der motorischen Fähigkeiten gesehen werden sollte! Insbesondere in der frühen Kindheit steht die allgemeine körperliche und geistige Entwicklung in sehr engem Zusammenhang mit der Sprachentwicklung. Im Laufe seiner Entwicklung und mit den zunehmenden Fähigkeiten des Kindes, seinen Körper kontrolliert einzusetzen, weitet es selber die Auseinandersetzung aktiv auf die es umgebenden Dinge aus. Es beschäftigt sich mit ihnen, lernt seine Beschaffenheit kennen und die Möglichkeiten, sie einzusetzen und sie zu verändern. Seine soziale Umwelt hilft ihm sowohl bei der Beschäftigung mit diesen Dingen als auch dabei, die gesammelten Erfahrungen in Worte umzusetzen. Fördern Sie ihr Kind dabei.
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©kurz2001-2011 updated 11.06.2011
