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Informationen zum Thema
Spielen und kindliche Entwicklung

 

Spielen als Motor der kindlichen Entwicklung
Training aller Sinnesleistungen
Spielen als konkretes Lernerlebnis
Spielen ist Ausdruck der Persönlichkeitsentwicklung
Verarbeitung von Erlebnissen
Erkunden der Umwelt
Die Realität im Zeitraffer
Das Spiel als Weg in die Selbstständigkeit
Das Spiel als sicherer Rückzugsort
Erfahren von Vertrauen
Spielen und sprachliche Entwicklung

 

»Spielen ist im Vorschulalter nicht irgendeine Tätigkeit, die ausgeübt wird oder nicht, sondern es handelt sich dabei um eine lebensnotwendige Aktivität des Kindes.«
(Oerter 1993)

Lebensnotwendig?! Das klingt im ersten Moment zugegebenermaßen sehr verwirrend. Schaut man sich aber die Bedürfnisse und Lernprozesse von Kindern genauer an, so wird klar, dass sie großen Nutzen aus dieser intensiv erlebten Tätigkeit ziehen. Dabei ist zu betonen, dass vom Säugling bis zum Vorschulkind und darüber hinaus gerne gespielt wird, jedoch auf anderen Entwicklungsebenen.

 

Spielen als Motor der kindlichen Entwicklung

Kinder können in einer gedachten Wirklichkeit (z.B. innerhalb eines Rollenspiels) Verhaltensmöglichkeiten, soziale Regeln und die Macht der Wörter ausprobieren, ohne reale Konsequenzen befürchten zu müssen. So »darf« ein Handpuppenkrokodil beißen, schnappen, gemein sein und böse Beschimpfungen aussprechen. Durch die Reaktion des Gegenübers, z.B. einer Prinzessin, erfährt das Kind auf spielerischer Ebene inwieweit ihm Grenzen gesetzt werden. Es lernt im Austausch mit Anderen, neue Lösungswege kennen, andere verbale Ausdrucksmittel einzusetzen oder eine veränderte Sichtweise anzunehmen, z.B. durch einen Rollentausch (»Ich bin jetzt wohl mal das Krokodil und du bist die blöde Prinzessin!«). Auf diese Weise entdecken Kinder die Welt im wahrsten Sinne des Wortes »mit anderen Augen«, so dass sie ihre Erfahrungen erweitern und in ihrer Entwicklung voranschreiten.

 

Training aller Sinnesleistungen

Im Spiel gebraucht das Kind nahezu alle Sinnesleistungen, die in Folge dessen »trainiert« werden. Das heißt, ein spielendes Kind, z.B. bei »Mutter-Vater-Kind« achtet intuitiv darauf leise zu sprechen (Hören), wenn das »Baby« schläft, streichelt es vorsichtig, um es zu beruhigen (Fühlen), rennt schnell fünf bis sechs Mal um den Tisch, weil der »Supermarkt« gleich schließt und noch Babynahrung fehlt (Motorik), achtet darauf diese möglichst genau zuzubereiten, dabei wird »abgeschmeckt« und geschnuppert, ob alles gelungen ist (Riechen).

 

Spielen als konkretes Lernerlebnis

Um zu lernen brauchen wir konkrete Erlebnisse, die uns helfen die Erfahrungen damit einzuordnen und abzuspeichern, also zu behalten. Im Spiel geschehen diese Erlebnisse automatisch und ungezwungen. So entsteht eine natürliche Lernumgebung.

 

Spielen ist Ausdruck der Persönlichkeitsentwicklung

Das Spiel ermöglicht die Auseinandersetzung mit mir selbst, das heißt, das Kind kann sich selber ausprobieren, indem es im Spiel fies oder feige ist. Es kann die Erfahrung machen:

»Wie fühle ich mich dabei?«
»Wie geht es mir damit?«
»Wie reagiert mein Freund, wenn ich ihn ständig ins Ohr beiße (schließlich bin ich ja das Krokodil)?« usw.

Das heißt, das Spiel führt nicht nur in eine Richtung, nämlich zu einer fortschreitenden Entwicklung, sondern es zeigt uns und dem Kind selbst inwieweit es sich bereits von Anderen abgrenzen kann, ob es die Meinung Anderer akzeptieren kann, eine eigene Meinung vertritt oder gewisse persönliche Vorlieben bzw. Abneigungen entwickelt hat. Dieses Wissen ist auch für den (Sprach-) Therapeuten von großer Bedeutung.

 

Verarbeitung von Erlebnissen

Das Spiel ermöglicht es, frustrierende Erlebnisse zu verarbeiten und somit eine bessere Toleranz gegenüber niederschmetternden Erfahrungen zu entwickeln. Das kann im ganz kleinen Rahmen geschehen, z.B. wenn ein Kind des öfteren beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel verloren hat, das wurde jedoch auch in weit problematischeren und psychologisch höchst sensiblen Bereichen wie z.B. dem Holocaust beobachtet. George Eisen (Children and play in the holocaust, 1988) berichtet in vielen Untersuchungen von der sehr intensiven Spielgestaltung von Kindern in Ghettos und Konzentrationslagern. Dieses Spiel in der permanent lebensbedrohlichen Umgebung diente der reinen Lebensbewältigung. Zum einen in psychologischer Hinsicht, da im Spiel ein glückliches Ende vorstellbar war, also eine Perspektive geschaffen wurde. Zum anderen in sehr konkreter Hinsicht. Unter dem Deckmantel des Spiels wurden Lebensmittel o.ä. geschmuggelt, um zu überleben.

 

Erkunden der Umwelt

Im Spiel kann das Kind Gegenstände neu erkunden und so ihre Funktion immer genauer kennen lernen. Das Telefon zum Beispiel, wird im Alter von etwa 12 Monaten an den Kopf und nicht ans Ohr gehalten. Doch im Laufe der Zeit beobachtet das Kind immer genauer die Aktionen der Erwachsenen, so dass es schon bald, mit ca. 2 Jahren, einfache Sequenzen imitieren kann: das Telefon ans Ohr halten, etwas »sagen«, den Hörer ablegen. Im Zuge dieser Entwicklung wächst auch die Kompetenz, mit unbekannten Gegenständen umzugehen.

 

Die Realität im Zeitraffer

Indem Kinder Elemente des Erlebten aus der realen Welt innerhalb ihrer Spielwelt (»Nebenrealität«) nachspielen können, begreifen sie Stück für Stück Vorgänge und Handhabung der Erwachsenenwelt. Gäbe es das Spiel nicht, bliebe die Welt für das Kind unverständlich und chaotisch.

 

Das Spiel als Weg in die Selbstständigkeit

Fast alle Eltern kennen das: ohne das Lieblingsstofftier, das »Schnuffeltuch« oder ein Erinnerungsstück an die Mama gibt es ein Riesentheater, wenn es ums abendliche Einschlafen oder das Alleinsein im Kindergarten geht. Dieses Verhalten ist jedoch keinesfalls ein Zeichen für Dickköpfigkeit, sondern mehr ein mutiger Ausdruck für die beginnende Selbstständigkeit des Kindes. Ein persönlich besetzter Gegenstand ist immer dabei, so dass es dem Kind das Gefühl von Schutz vermittelt mit dem es dann Neues entdecken kann.

 

Das Spiel als sicherer Rückzugsort

Häufig zeigen Kinder immer wieder die gleichen Spielrituale. Dabei werden oft auch die gleichen Kommentare oder Lautmalereien verwendet. Diese immerwiederkehrenden Handlungen dienen dem Kind als sicheres Terrain, in dem es seine bisher erlernten Kompetenzen festigen und sich ganz versunken hingeben kann.

 

Erfahren von Vertrauen

Indem sie sich ganz auf die vorher »vereinbarten« Spielregeln verlassen, erfahren und erlernen Kinder das Gefühl von Vertrauen. 
So werfen Väter gerne ihre Sprösslinge hoch in die Luft, um sie danach sicher aufzufangen. Durch diese Erfahrung wird dem Kind das Gefühl vermittelt »Ich bin für dich da«. Mit diesem Wissen kann sich Kind auch Fremdem öffnen und in seiner Entwicklung sorglos voranschreiten.

 

Spielen und sprachliche Entwicklung

Die herausragende Bedeutung des Spielens auch für die sprachliche Entwicklung des Kindes ist anhand der nachfolgenden Tabelle deutlich zu erkennen. Sie wurde  in Anlehnung an B. Zollinger (Hrsg.: Kinder im Vorschulalter, 2000) erstellt.

 

3 Monate bis 2 Jahre:

Art des Spiels

Sprach-
verständnis

Sprach-
produktion

Entwicklungs-
schritt

Erste Funktionsspiele:
Viele Dinge werden erprobt, indem sie in den Mund genommen oder fallengelassen werden.

Variationen von Handlungen: Telefon an den Hals führen, später an den Kopf halten; Haarbürste zum Kopf führen.

Zunehmend immer korrektere Durchführung der Handlungen.

 

Nicht-situationale Aufforderungen werden mit 2 Jahren verstanden. »Iss die Suppe mit dem Malstift!«: Das Kind hat bereits die Erfahrung gemacht, dass das SO sicher nicht funktioniert.

Immer wiederkehrende Lautketten über Silbenplappern bis hin zu ersten Wörtern und Wortverbindungen.

Die Welt der Gegenstände wird entdeckt.

Das Kind lernt, wie die Dinge funktionieren und was die Erwachsenen damit machen, um so selbst zu experimentieren.

2-4 Jahre:

Art des Spiels

Sprach-
verständnis

Sprach-
produktion

Entwicklungs-
schritt

Symbolspiele:
»So-tun-als-ob«, bei denen Dinge als etwas Reales behandelt werden. So kann aus einer Banane ein Telefon werden. Noch findet das Spiel zwischen dem Kind und dem Gegenstand statt. Erst allmählich kann es sich auch für andere Kinder öffnen und dann mit ihnen zusammen spielen und Handlungen gestalten.

Erste Gesellschaftsspiele:
»Vier erste Spiele«, »Aquarium« oder »Quips« führen Farben, Formen und Zahlen ein, fördern soziale Regeln und erweitern die Frustrationstoleranz.

 

Wörter werden verstanden und können in der Vorstellung vergegenwärtigt werden.

Sie werden zunehmend Stellvertreter der Gegenstände selbst: Das Telefon muss nicht mehr gesehen werden, um zu wissen, dass es das Telefon gibt.

Wörter bekommen eine kommunikative Bedeutung.

Der Wortschatz wird erweitert und die Lautbildung weiter erworben.

In dieser Phase lernen Kinder neben der Welt der Gegenstände und der Wörter, auch die Welt der Anderen zu entdecken.

4-6 Jahre:

Art des Spiels

Sprach-
verständnis

Sprach-
produktion

Entwicklungs-
schritt

Rollenspiele:
Aktives Erschaffen. Gegenstände werden Mittel zum Zweck: Höhle bauen, in der die Familie lebt oder ein »Arztkoffer« wird Auslöser einer komplexeren Spielgeschichte.

Abwechselnde Rollenverteilung (z.B. mit dem Teddy sprechen, Kind antwortet für Stofftier).

Ideen und nicht mehr die Gegenstände selbst sind handlungsbestimmend.

 

Innere Vorstellungen von Alltagshandlungen werden aufgebaut. Infolge dessen entsteht ein immer größerer Wortschatz.

Nur was gedanklich gespeichert ist, kann auch verstanden und wiedergegeben werden.

Geschichten werden verstanden.

Satzbildungen werden zunehmend komplexer.

Kinder können sich auf das Gesagte von Anderen beziehen, selbst Informationen geben und Fragen stellen.

Sprache ist wichtiges Mittel, um die eigenen Vorstellungen mitzuteilen.

Kinder können zunehmend die Bedürfnisse anderer Kinder akzeptieren und diese mit in den Spielplan einbeziehen. Dieses Verhalten spiegelt sich auch in der Sprache wieder.

Ab 6 Jahre:

Art des Spiels

Sprach-
verständnis

Sprach-
produktion

Entwicklungs-
schritt

Regelspiele:
Spiele in der Gruppe, Tischspiele.

Bevorzugt auch Spiele, bei denen erstes schulisches Wissen gefragt ist z.B. einfache Rechenaufgaben oder Buchstabenformen.

Rollen und Inhalte sind sehr realitätsnah.

 

Hohes Sprachverständnis als Grundlage für schulisches Lernen.

Höheres grammatikalisches Niveau und Erwerb der Schriftsprache

Soziale Beziehungen rücken in den Vordergrund.

Das abstrakte Denken schreitet voran.

Mit freundlicher Genehmigung der Autorin: Vera Lüttgen

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©kurz2001-2011   updated 11.06.2011   

 

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