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Zahnfehlstellungen
Grundbegriffe
Das bleibende (permanente) Gebiss besteht aus
jeweils 16 Zähnen im Ober- und Unterkiefer.
Pro Kieferhälfte finden sich
2 Schneidezähne (Incisivi)
1 Eckzahn (Caninus)
2 Backenzähne (Praemolares)
3 Mahlzähne (Molares).
Um die einzelnen Zähne genau bezeichnen zu können, wird der Kiefer in 4 Quadranten
aufgeteilt und jeder Zahn mit einer Zahl versehen, so dass sich folgendes Schema
ergibt:

Die erste Ziffer bezeichnet dabei den Quadranten, die zweite den Zahn.
Beispiel:
23 (zwei-drei) = Eckzahn oben rechts.
Im Milchgebiss werden die Quadranten weiter durchnummeriert, so dass der rechte
Oberkiefer die Vorziffer 5, der linke Oberkiefer die Vorziffer 6, der linke Unterkiefer
die Vorziffer 7 und der rechte Unterkiefer die Vorziffer 8 erhält. Im kindlichen Milchgebiss
fehlen die Prämolaren, hier sind zusammen nur 20 Zähne vorhanden.
Zur räumlichen Orientierung im
Gebiss werden allgemein folgende Lagebezeichnungen verwendet:
-
buccal = zur Wange
- palatinal = zum Gaumen (Oberkiefer)
- vestibulär = zum Mundvorhof
- mesial = nach vorne
- distal = nach hinten
- lingual = zur Zunge (Unterkiefer)
- labial = zur Lippe
Zur weiteren räumlichen Orientierung im Schädel dienen drei senkrecht
aufeinanderstehende Bezugsebenen:

Da der Unterkiefer als beweglicher Schädelknochen seine Lage zum Oberkiefer
verändern kann, lassen sich Positionsveränderungen im Gebiss mit Hilfe dieser
Bezugsebenen beschreiben.
Neutralbiss
Der Neutral- oder Regelbiss (Kl. I nach Angle) ist die normale, kaufunktionell
optimale Lagebeziehung des Unterkiefers zum Oberkiefer und zum Gesamtschädel.
Um die Lage des Kiefers im Mund zu klassifizieren, werden seit Angle (1900)
Markierungspunkte benutzt, die sogenannten »Regelbissmarken«. Diese
Regelbissmarken sind Grundlage für die Diagnostik.
Im Neutralbiss okkludieren (schließen, verzahnen) bei vollständigen Zahnreihen die
mesiobuccalen Höcker der Zähne 16 und 26 mit den Buccalfissuren der Zähne 36 und
46 sowie die Spitzen von 13 und 23 mit den Interdentalräumen von 33/34 und 43/44.
Im folgenden soll näher auf die wichtigsten pathologischen
Gebissbefunde eingegangen werden.
Abweichungen in der Sagittalebene
Distalbiss (Kl. II nach Angle)
Mit Distalbiss wird eine zu weit rückwärtige Lage des unteren Zahnbogens
gegenüber dem oberen bezeichnet, wobei diese Störung des Zusammenbisses der
Zahnreihen durch eine Rücklage des ganzen Unterkiefers bedingt ist, was außerdem
eine entsprechende Beeinträchtigung der Profilgestaltung bewirkt. Allgemein wird
hierbei eine weitere Unterscheidung in Mundatmer und Nasenatmer vorgenommen.
Bei den Mundatmern stehen die oberen Schneidezähne nach außen geneigt und meist
lückenhaft (Spitzfront), bei den Nasenatmern stehen diese nach innen geneigt und
zusammengeschoben (Steilstand/Flachfront).
Des weiteren erfolgt eine Unterteilung danach, ob es sich um eine
ein- oder beidseitige Anomalie handelt.
Ist der Oberkiefer im Ganzen überentwickelt, wird diese Anomalie
auch PROGNATHIE bezeichnet. Handelt es sich um einen normal entwickelten Oberkiefer
bei unterentwickeltem Unterkiefer, nennt man diese Kieferstellung auch OPISTOGENIE.
Es besteht die Gefahr der Zahnfraktur bei Sturz durch die vorstehenden Zähne, hinzu kommen
Kau- und Abbeißprobleme sowie Kiefergelenksprobleme.
Mesialbiss (Kl. III nach Angle)
Beim Mesialbiss führen in Umkehrung der gerade beschriebenen Verhältnisse ein
oberer Schneidezahnrückstand oder unterer Schneidezahnvorstand ebenso wie ein
Vorstand des gesamten Unterkiefers gegenüber dem Oberkiefer zu einem gestörten
frontalen Überbiss in Form eines Vorbisses der unteren Schneidezähne vor die
oberen. Auch hier wird unterschieden, ob es sich um eine ein- oder beidseitige
Anomalie handelt. Bei überentwickeltem Unterkiefer und normal großem Oberkiefer
wird diese Form PROGENIE auch genannt. Ist der Oberkiefer im Bereich der Frontzähne
mangelhaft entwickelt und der Unterkiefer normal groß, bezeichnet
man dies auch als OPISTOGNATHIE.
Infolge des ungehemmten Unterkieferwachstums treten Probleme beim Kauen und Abbeißen auf, in vielen Fällen auch Kiefergelenksprobleme.
Abweichung der Frontzähne in der Sagittalebene
Eine sagittale Verschiebung des Unterkiefers kann auch Auswirkungen auf die
Verzahnung der Schneidezähne haben:
a) Von einem umgekehrten
Überbiss mit positiver incisaler Stufe wird gesprochen, wenn die unteren
Frontzähne ohne Kontakt mit ihren Antagonisten (wie beim Mesialbiss) vor den oberen Schneidezähnen stehen.
b) Beim
Kopfbiss haben die Antagonisten Kontakt auf den Incisalflächen.
c) Die normale Verzahnung ist durch den korrekten Überbiss (Normal- oder
Scherenbiss) gekennzeichnet. Hierbei treffen die Kanten der unteren Frontzähne
etwa 2 mm unterhalb der Schneidekante auf die palatinalen Flächen ihrer
Antagonisten.
d) Stehen die unteren Frontzähne zu weit nach hinten (distal) und finden keinen Kontakt zu
ihren oberen Antagonisten, spricht man von einem Überbiss mit negativer incisaler Stufe.
Abweichungen in der Vertikalebene
Tiefer Biss
Der tiefe Biss beruht auf einer Störung der vertikalen Beziehungen der Zahnreihen
zueinander. Dabei beißen die oberen und unteren Frontzähne zu weit übereinander. Als
Norm für unsere Bevölkerung ist ein vertikaler Überbiss der oberen Schneidezähne über
die unteren um etwa 1-2 mm anzusehen. Bei einem extrem tiefen
Biss kann ein Überbiss um ein Vielfaches dieses Ausmaßes vorhanden sein. Unter
Umständen können die unteren Frontzähne sogar in das parodontale Gebiet des
Gegenkiefers einbeißen, was zu Schäden des Zahnhalteapparates (Parodontalschäden) führen kann.
Offener Biss
Eine umgekehrte Störung der vertikalen Okklusionsbeziehungen stellt der offene
Biss dar. Hierbei finden einzelne Zähne oder Zahngruppen beim Kieferschluss keinen
Kontakt mit ihren Gegenzähnen. Meist ist der offene Biss auf den Frontzahnbereich
beschränkt (frontal offener Biss), mitunter sind jedoch auch Teile des Eck- und
Seitenzahnbereichs betroffen
(seitlich offener Biss).
Je nach Ursache dieser Abweichung von der normalen Bisslage
spricht man vom
- lutschoffenen Biss
aufgrund lang andauernden Daumen- oder Schnullerlutschens
- rachitisch offenen Biss
aufgrund rachitischer Veränderungen der Knochenstruktur
- iatrogen offenen Biss
aufgrund falscher zahnärztlicher oder kieferorthopädischer Maßnahmen
- traumatisch offenen Biss
aufgrund von Frakturen und Verletzungen im Kieferbereich
- skelettal offenen Biss
aufgrund skelettaler Entwicklungsstörungen des Gesichtsschädels.
Der offene Biss ist in der Regel immer mit einer Atemführung durch den Mund
gekoppelt.
Schäden finden sich in Form von Störungen der Aussprache und der Abbeiss- und Kaufunktion.
Abweichungen in der Transversalebene
Kreuzbiss
Die Abweichung in der Transversalebene führt vom normalen Überbiss der Zähne im
Seitenzahnbereich zu dem verkehrten Überbiss der Seitenzähne, dem sogenannten
Kreuzbiss. Diese Gebissanomalie kann an jedem Zahn oder in jeder Zahngruppe
auftreten. Hierbei ist auf einer oder beiden Kieferseiten der regelrechte
Überbiss der oberen Zähne über die unteren gestört, indem die betreffenden
Seitenzähne des Oberkiefers von den äußeren Höckern der entsprechenden Zähne
des Unterkiefers buccal überragt werden. Stehen die Höcker der unteren und oberen
Seitenzähne aufeinander, spricht man vom Kantbiss. Wachsen die oberen Zähne buccal
oder lingual an den unteren vorbei, spricht man von buccaler bzw. lingualer Nonokklusion.
Beim frontalen Kreuzbiss ist das Oberkieferwachstum gehemmt, es treten vermehrt Parodontalschäden auf. Beim seitlichen Kreuzbiss wächst der Unterkiefer asymetrisch, hierdurch bedingt entwickelt sich häufig eine Gesichtsasymetrie.
Komplexe Kiefer- und Zahnstellungsanomalien
Deckbiss
Als erbliche, vertikal-sagittal-transversale Anomalie kann der Deckbiss schon im
Milchgebiss auftreten und weist als charakteristische Merkmale eine Abflachung der
oberen Frontzahnreihe mit einer Rückkippung und Steilstellung, insbesondere der
oberen mittleren Schneidezähne auf. Diese Fehlstellung (schon der Zahnkeime)
beeinflusst die Entwicklung des gesamten Gebisses und führt zum tiefen Biss und
in 70 % der Fälle zum Distalbiss.
Beim Deckbiss und tiefen Biss finden sich Schäden in Form von Einbiss in Gaumenschleimhaut und Schäden des Zahnhalteapparates (Parodontalschäden).
Kieferkompressionen
Hierbei handelt es sich um einen in transversaler Richtung relativ zu schmalen
Zahnbogen, der mit Zahnstellungsabweichungen einhergeht. Bei der Kieferkompression
mit frontalem Engstand weisen die Frontzähne infolge Einengung des ihnen zur
Verfügung stehenden Platzes innerhalb des Zahnbogens eine unregelmäßige und
ineinander verschachtelte Stellung
auf. Bei der frontalen Protrusion stehen die Schneidezähne vor, und es ist eine
spitzbogenartige Gestaltung des normalerweise gerundeten Frontzahnbogens zu
beobachten. Dabei können die Schneidezähne in dichtgedrängte Stellung angeordnet
sein (engstehende Protrusion) oder eine fächerförmige Anordnung mit großen
interdentalen Zwischenräumen (lückige Protrusion) aufweisen.
Beim Engstand treten vermehrt Karies, bedingt durch erschwerte Reinigung, und Parodontalschäden auf.
Protrusion
Bei lückiger »Auffächerung« der Zähne nach vorn, spricht man von einer Protrusion. Sind beide Zahnreihen aufgefächert und das Zahnfleisch geschwunden, kann dies
eine Folge von permanentem Druck der Zunge gegen beide Frontzahnreihen sein.
Dieses Bild wird als bimaxilläre Protrusion oder bialveoläre Protrusion bezeichnet. Die
Kiefer sind hierbei normal breit, die Bisslage ist neutral. Erbliche Faktoren scheinen bei
dieser Anomalie eine Rolle zu spielen, wobei Einflüsse der Zungenlage und des
Zungendrucks hinzukommen.
Der Platzüberschuss im Lückenstand führt in der Regel zu Störungen bei der Aussprache.
Vorzeitiger Zahnverlust
Vorzeitige Verluste von permanenten oder Milchzähnen können zu transversalen,
sagittalen oder auch vertikalen Stellungsanomalien führen:
- Wachstumshemmungen im Ober- oder Unterkiefer
- Zahnwanderungen mit Engstand, Drehung oder Kippung
- Retention oder Verlagerung bleibender Zähne
- Asymmetrien von Zahnbögen, Kiefer oder Schädelskelett
- Mesialokklusion bei Zahnverlust oder Zahnwanderung im Oberkiefer
- Distalokklusion bei Zahnwanderung/Zahnverlust im Unterkiefer
- Reduzierung oder Verlust der Stützzonen u. a.
Quellen:
FRISCHAUF, Hermann, KREGCJK, Konrad (1985):
Stellungsanomalien der Zähne und Bisslageanomalien. In:
Der Sprachheilpädagoge 17 (1985)
GARLINER, Daniel (1989):
Myofunktionelle Therapie in der Praxis.
Germering
MAYRHOFER-KRAMMEL, Ursula (1989):
Okklusionsstörungen und deren kieferorthopädische Therapie. In:
Der Sprachheilpädagoge 21 (1989)
SCHOEN, Manfred; HUBER, Martin (1986):
Zahnheilkunde
Stuttgart/New York
Autor: Uwe Kurz
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