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Die kindliche Sprachentwicklung
Eigentlich ist es immer wieder ein
kleines Wunder, dass viele Kinder ohne große Mühe sprechen lernen. Doch
haben auch zahlreiche Kinder Schwierigkeiten dabei. Die Voraussetzungen für
einen ungestörten Spracherwerbbeginnen bereits in der Schwangerschaft.
Hierbei entwickelt das noch ungeborene Kind seine biologischen Anlagen, um
Sprache erwerben und anwenden zu können. Nach der Geburt kommt die
sprachliche Zuwendung der Eltern, Geschwister, Verwandten und anderer
Menschen dazu. Der Spracherwerb beginnt lange bevor das Kind selber
sprechen kann.
Voraussetzungen
für einen ungehinderten Spracherwerb sind:
die
Kontrolle über Bewegungen vor allem der Körperteile, die für
das Sprechen zuständig sind (z. B. Lippen
und Zunge)
eine
exakte Sinneswahrnehmung der von außen auf das Kind einströmenden
Reize wie Gehörtes und Gesehenes, aber auch solcher Sinnesreize,
wie z. B. »Spüren«, die Informationen über die Lage
einzelner Körperteile geben
psychische
Fähigkeiten, die die Verarbeitung von Informationen betreffen
oder Voraussetzung dafür sind, wie z. B. Konzentration und
Aufmerksamkeit
eine
soziale Atmosphäre, in der das Kind sich angenommen fühlt und
sprachliche Anregungen bekommt
Welche sprachlichen Fähigkeiten
erwirbt das Kind?
Entwicklung der Aussprache
In den ersten Lebensmonaten
experimentiert der Säugling mit seiner Stimme. Er produziert zahlreiche
Geräusche und macht auf diese Weise erste Erfahrungen mit Sprachlauten
und den dafür erforderlichen Sprechbewegungen, auch wenn diese Laute noch
nicht mit festen Bedeutungen verbunden sind. So erwirbt er allmählich die
willentliche Kontrolle über die für das Sprechen notwendigen Bewegungen.
Mit zunehmendem Lebensalter
vergleicht es die gehörten Sprachlaute aus seiner Umgebung mit seinen
eigenen und passt diese entsprechend an. Selbst gehörlose Säuglinge
durchlaufen die erste sogenannte Lallphase. Sie verstummen erst dann, wenn
es um den Vergleich mit den sie umgebenden Sprachlauten und deren
Nachahmung geht.
Bei dem hier beschriebenen Aspekt
des Spracherwerbs handelt es sich um die Aussprache. Dazu gehört, dass
das Kind alle in seiner Muttersprache vorhandenen Laute bilden und sie
entsprechend den Regeln des jeweiligen Sprachsystems anwenden lernt.
Entwicklung des Wortschatzes
Nach und nach formt das Kind Sprachlaute
dahingehend, dass erkennbare Worte entstehen. Damit gehen andere wichtige
Erkenntnisprozesse einher. Zum einen ist es die Tatsache, dass Gegenstände
auch dann noch existieren, wenn sie für das Kind nicht greifbar vorhanden
sind. Dies zeigt sich beispielsweise darin, dass ein Kind einen
Spielgegenstand sucht, obwohl er nicht in seinem Blickfeld ist. Zum
anderen sind es die vielfältigen konkreten, von seinem Umfeld sprachlich
begleiteten Erfahrungen mit sich selbst, mit Dingen und Handlungen, die
ihm die Bedeutung der Worte vermitteln. Allmählich verbindet sich dieses
Wissen mit sprachlichen Erkenntnissen: Ein Wort wird zum Stellvertreter für
den realen Gegenstand, eine Tätigkeit oder für Gefühle. Später kommen
komplexere Wörter hinzu, die abstraktere Inhalte und grammatische Bezüge
ausdrücken. Auch die Erwerbsstrategie ändert sich mit dem Lebensalter.
Das Kind wird zunehmend unabhängiger von der konkreten Anschauung. Der
Wortschatz des Kindes entwickelt sich.
Entwicklung der Grammatik
Eng verbunden mit der Entwicklung des
Wortschatzes ist der Aufbau von Sätzen. Vorläufer davon stellen bereits
die Doppelungen derselben Wörter und die ersten Kombinationen
verschiedener Wörter beim Übergang von der Einwort- zur Zweiwortphase
dar. So kann beispielsweise die Äußerung »Mami Tasse!« abhängig
von der Situation verschiedenes Bedeuten: Vielleicht möchte das Kind den
Wunsch nach einer Tasse übermitteln, möglicherweise will es lediglich
feststellen, dass die Mutter eine Tasse hat.
Dies Beispiel verdeutlicht, dass das Kind mehr sagen möchte,
als ihm an sprachlichen Mitteln zur Verfügung steht. Die Bedeutung seiner
Äußerung zu verstehen und angemessen zu übersetzen und zu erweitern ,
ist Aufgabe seines sozialen Umfeldes. Im laufe seiner Sprachentwicklung
hat das Kind ein komplexes Regelsystem »zu knacken«. Es lernt
zum Beispiel die Regeln der Wortstellung, wobei die Stellung des Tätigkeitswortes
zunächst herausragend ist.
Des weiteren ist es die Veränderung einzelner Wörter,
die innerhalb eines Satzes aufeinander abgestimmt sind. So ist die Endung
des Tätigkeitswortes abhängig vom Hauptwort: Ich gehe - du gehst. Das
Kind erwirbt also das grammatische Regelsystem unserer Sprache.
Entwicklung der Kommunikation
Lange bevor der heranwachsende kleine
Mensch ein Gespräch führen kann, werden ihm grundlegende Anreize dazu
vermittelt. Bei der genaueren Betrachtung früher Unterhaltungen mit Säuglingen
wurde festgestellt, dass Sprechende zwischen ihren Äußerungen eine
kleine Pause einhalten. Diese Pausen signalisieren, dass eigentlich an
dieser Stelle eine Antwort erwartet wird. Mit den zunehmenden sprachlichen
Fähigkeiten füllt das Kind diese Lücken tatsächlich aus. Natürlich
unterscheiden sich Gespräche mit Kindern von denen mit anderen Gesprächspartnerinnen
und -partnern. Dennoch: das »Sich-Mitteilen« und »Sich-Austauschen mit
anderen« und später das Erzählen von Erlebtem etc. geschieht von
Beginn an in altersgemäßer Weise. Dieser Bereich des Spracherwerbs
umfasst die gesamte Anwendung der sprachlichen und nicht-sprachlichen
Kenntnisse (Mimik und Gestik), also die Kommunikation.
Entwicklung des Sprachverständnisses
Das Verstehen von Sprache entwickelt sich
in demselben Rahmen wie die anderen sprachlichen Bereiche auch. Zeitlich
geht es der Fähigkeit, Sprache anzuwenden voraus, d.h. das Kind versteht
uns, bevor es sich selber äußern kann. Lange Zeit ist diese Verständnis
jedoch eng an die Jeweilige Situation gebunden. Ein echtes Sprachverständnis
entwickelt sich schrittweise, bis es sich von der konkreten Situation löst.
Entwicklung des Redeflusses
Die Planung und Ausführung von mündlichen
Äußerungen stellen eine hohe Anforderung an das Kind dar. So verwundert
es nicht, dass damit häufig Satzabbrüche, Umformulierungen,
Wortwiederholungen und kleine Denkpausen einhergehen. Sie bewirken, dass
das Sprechen des Kindes unflüssig klingt. Außerdem muss die
Feinabstimmung der Muskelbewegungen, die für das Reden notwendig sind,
sich erst entwickeln und reifen. Dies ist eng verbunden mit den hier
geschilderten sprachlichen Entwicklungsbereichen und solchen, die für die
Bewegungskontrolle zuständig sind. Der Redefluss unterliegt also
ebenfalls einem längeren Entwicklungsprozess.
Entwicklung des Sprachgefühls
Nicht zuletzt lernt das Kind während
seiner Sprachentwicklung quasi »nebenbei« etwas, was nichts mit
einzelnen Lauten, Wörtern oder grammatischen Strukturen zu tun hat, aber
dennoch die Verständlichkeit unserer Lautsprache beeinflusst: Betonungen,
Pausen, Sprechrhythmus, Tonhöhen und -tiefen etc. Denken Sie nur einmal
daran, dass der Anstieg einer Tonhöhe am Ende des Satzes eine Frage
anzeigt. Man könnte dies alles mit Sprachgefühl
bezeichnen.
Sie haben nun eine Vorstellung davon
bekommen, welches enorme Lernpensum das Kind während seiner
Sprachentwicklung zu bewältigen hat. Auch wenn diese Bereiche zum
besseren Verständnis hier getrennt vorgestellt wurden, heißt dies nicht,
dass das Kind sie nacheinander erwirbt. Vielmehr ist es so, dass sie sich
gegenseitig bedingen. Denken Sie noch einmal daran, dass auch grammatische
Regeln wie z. B. Einzahl- und Mehrzahlbildung mit einem
Bedeutungsunterschied einhergehen, der in den Wortschatz eingreift. Auch müssen
beispielsweise die Voraussetzungen der Aussprache von grammatikalischen
Endungen (Beispiel: du singst) bei Tätigkeitswörtern gegeben sein.
Quelle:
Informationsbroschüren der Deutschen Gesellschaft für Sprachheilpädagogik
Nr. 3 Störungen des Spracherwerbs (Autorin: Angelika Schindler)
Nr. 4 Förderung des Spracherwerbs (Autorin: Angelika Schindler)
Entwicklung der Sprache
nach dem sensomotorischen Entwicklungsgitter
von Dr. Ernst J. Kiphard
Die Alterswerte gelten für
Spätentwickler, d. h. 90% der Kinder erfüllen diese Aufgaben.
| 6
Monate |
Saugt, schluckt, weint
Andere Laute als Weinen
Laute: cha, grr, öh, erre
Kichert, lacht, quietscht
Schließt Mund, schluckt Speichel
Antwortet durch Laute
|
| 1
Jahr |
Leckt Breilöffel gut ab
Trinkt von gehaltener Tasse
Spuckt mit Zungenspitze
Äußert Stimmungslaute
Ahmt Laute nach
Lallt 4 verschiedene Silben
|
1
Jahr
6 Monate |
Kaut mühelos feste Nahrung
Laute als Wunschäußerung
Laute: a, o, u, m, b, p
Sagt 2 sinnvolle Worte
Ahmt 2 Tierlaute nach
Ahmt 2 Worte nach
|
| 2
Jahre |
Einwortsatz als Wunsch
Laute: n, l, d, t, w, f
Verwendet 5 Worte
Benennt 3 Personen
Benennt 4 Dinge
Benennt 2 Tätigkeiten
|
2
Jahre
6 Monate |
Verwendet 10 Worte
Nennt sich beim Vornamen
Sagt: da, weg, bitte, danke
Benennt 2 Eigenschaften
Spricht Zweiwortsatz
Verwendet der, die, das
|
| 3
Jahre |
Sagt: noch, wieder, viel
Wiederholt Viersilbensatz
Fragt: was'n das?
Spricht Dreiwortsatz
Spricht mit Puppe, Teddy
Laute: r, s, sch, x, z
|
3
Jahre
6 Monate |
Sagt: ich, du, mein, dein
Verwendet Mehrzahl
Benennt Tätigkeit im Bild
Nennt 5 Tiere
Berichtet spontan Erlebnis
Verwendet Vergangenheit
|
| 4
Jahre |
Laute: ch/ch, ng, nt, schp, fr
Erklärt, was es spielt
Wiederholt Kurzgeschichte
Gebraucht Nebensätze
Fragt: wer, wo, wann, warum
Nennt 2 Gegensätze
|
4
Jahre
6 Monate |
Wiederholt 5-Wortsatz
Sagt, was es heute tat
Beantwortet 3 Zweckfragen
|
| 5
Jahre |
Benennt 3 Farben
Spricht 4 Zahlen nach
Spricht 5-Wortsätze
|
5
Jahre
6 Monate |
Sagt, was es morgen vorhat
Fragt nach Wortbedeutung
Nennt 2 Analogien
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| 6
Jahre |
Beschreibt Bildszene
Beantwortet 3 Wenn-dann-Fragen
Zählt 10 Dinge ab
|
6
Jahre
6 Monate |
Nennt 3 Oberbegriffe
Nennt Material: Schuh, Tür
Definiert 2 Unterschiede
|
| 7
Jahre |
Satz aus 3 Stichworten
Erklärt: Vorhang, Hecke, See
Nennt 3 Hausbaumaterialien
|
7
Jahre
6 Monate |
Erzählt Selbsterfundenes
Gebraucht Ausreden
Erklärt Ähnlichkeiten
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Bitte beachten Sie, dass die
Sprachentwicklung nicht isoliert von der übrigen Entwicklung wie z.B. der
Entwicklung der motorischen Fähigkeiten gesehen werden sollte!
Insbesondere in der frühen Kindheit steht die allgemeine körperliche und
geistige Entwicklung in sehr engem Zusammenhang mit der Sprachentwicklung.
Im Laufe seiner Entwicklung und mit den zunehmenden Fähigkeiten des
Kindes, seinen Körper kontrolliert einzusetzen, weitet es selber die
Auseinandersetzung aktiv auf die es umgebenden Dinge aus. Es beschäftigt
sich mit ihnen, lernt seine Beschaffenheit kennen und die Möglichkeiten,
sie einzusetzen und sie zu verändern. Seine soziale Umwelt hilft ihm
sowohl bei der Beschäftigung mit den Dingen als auch dabei, diese
Erfahrungen in Worte umzusetzen. Fördern Sie ihr Kind dabei.
Zusammenfassung: Uwe Kurz
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